Post-Ost
Post-Ost ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Migrationsgeschichte aus dem südost- zentral- und osteuropäischen Raum und/oder aus Regionen ehemalig unter sowjetischer Besatzung. Der Begriff ist 2019 aus dem Wunsch entstanden, sich weder auf „postsowjetisch“ noch auf pauschalisierende Fremdbezeichnungen wie „Ostblock“ reduzieren zu lassen, und stattdessen die Vielfalt der eigenen Herkunft, Sprache und Religion sichtbar zu machen. Dieses Kapitel erklärt verwandte Begriffe wie Antislawismus, Aussiedler*innen und Russlanddeutsche, beleuchtet die Geschichte kolonialer Kategorien wie „kaukasisch“ und zeigt, wie russischer Imperialismus die Region bis heute prägt.
Content Note: Das Glossar behandelt auch diskriminierende und verletzende Begriffe.
A
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Antislawismus / Antislawischer Rassismus
Zum Begriffbezeichnet die strukturelle Diskriminierung von Menschen, die vermeintlich oder selbstgewählt zur sozial konstruierten Gruppe der Slaw*innen gehören, z. B. Russlanddeutsche, jüdische Kontingentgeflüchtete oder polnische Migrant*innen. Diese Diskriminierungsform kann sich auch pauschal gegen die Bevölkerung aus Zentral-, Ost- und Südosteuropa richten oder gegen Menschen, denen die nationale oder ethnische Zugehörigkeit zu einer dieser Regionen zugeschrieben wird. Im Nationalsozialismus dienten der Antislawismus und die rassistische Zuordnung zu einer „slawischen Rasse“ der Abwertung und Entmenschlichung sowie als Begründung für Zwangsarbeit und deutsche Kriegs- und Siedlungspolitik. Antislawismus geht auch mit anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze, Antisemitismus, antiasiatischer Rassismus, antimuslimischer Rassismus, Sexismus oder Klassismus einher.
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Aussiedler*innen / Spätaussiedler*innen
Zum Begriffsind rechtlich „deutsche Volkszugehörige“ und mit etwa 2,7 Millionen Menschen1 eine der größten eingewanderten Gruppen in der Bundesrepublik. Laut Definition des Innenministeriums handelt es sich bei ihnen um „Personen deutscher Herkunft, die in Ost- und Südosteuropa sowie in der Sowjetunion unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges gelitten haben (…) (und die) aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit noch Jahrzehnte nach Kriegsende massiv verfolgt“ wurden.2
In der Bundesrepublik können sie die „Statusdeutscheneigenschaft“ bekommen, werden damit deutschen Staatsangehörigen gleichgestellt und sind keine Ausländer*innen. Trotzdem sind sie teils spezifischen bürokratischen Hürden oder Diskriminierungen ausgesetzt.
B
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Balkan
Zum Begriffist eine Bezeichnung für eine geographisch nicht eindeutig abgegrenzte Region im Südosten Europas, benannt nach dem Balkangebirge. Der Begriff wird oft synonym für Südosteuropa verwendet.
Oft wird der Begriff im Zusammenhang mit Rom*nja gebracht, die in mehreren Ländern in Südosteuropa eine große ethnische Minderheit sind. In der Berichterstattung wird der Begriff zudem häufig im Kontext von Fluchtrouten und Asyl verwendet.
P
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Post-Ost
Zum Begriffist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Migrationsgeschichte aus dem südost- zentral- und osteuropäischen Raum und/oder aus Regionen ehemalig unter sowjetischer Besatzung. Der Begriff entstand 2019 im Feld zivilgesellschaftlichen Engagements und wurde ursprünglich etabliert, um eine links-progressive Position zu beschreiben.
Er entstand aus dem Wunsch nach neuen Bezeichnungen, die die Gruppen in ihrer Verschiedenartigkeit berücksichtigen. Menschen, die aus den jeweiligen Regionen zugewandert sind, haben diverse multiethnische und -religiöse Identitäten. Fremdbezeichnungen wie „postsowjetisch“ oder „aus dem Ostblock“ empfehlen viele als verallgemeinernd und deswegen als nicht korrekt oder diskriminierend.
Gleichzeitig reproduzieren diese historisch belasteten Begriffe die Dominanz Russlands und damit Repression und Russifizierung während der sowjetischen Besatzung. Auch vor dem Hintergrund von Kriegshandlungen und Machtbestrebungen Russlands klingen Begriffe wie „postsowjetisch“ daher für viele nicht neutral.
Mit seiner schnellen Verbreitung über Social Media entwickelte sich die Bedeutung von Post-Ost weiter und löste sich zunehmend vom ursprünglichen linken Bezugsrahmen. In breiteren Diskursen wurde der Begriff teils unscharf oder synonym zu Bezeichnungen wie „postsowjetisch“ oder „russlanddeutsch“ verwendet. Die Bedeutung des Begriffs bleibt dynamisch und wird in Kunst, Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft kontinuierlich ausgehandelt.
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Russifizierung
Zum Begriffbezeichnet die politisch erzwungene oder geförderte Übernahme der russischen Sprache, Kultur und Lebensweise durch nicht-russische Bevölkerungsgruppen. Die Politik reicht vom Zarenreich über die Sowjetunion bis ins heutige Russland. Weltweit sprechen rund 260 Millionen Menschen Russisch, viele davon als Folge dieser historischen Russifizierungspolitik.
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Russischer Imperialismus
Zum Begriffbeschreibt die territoriale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Expansion Russlands auf Kosten benachbarter Kulturen und Völker – durch Okkupation, Kontrolle, Ausbeutung und Unterdrückung.
Der Begriff umfasst sowohl den Imperialismus des zaristischen Russlands als auch die imperiale Politik der Sowjetunion und wird heute im Zusammenhang mit der Politik des russischen Staates unter Wladimir Putin verwendet, etwa im Kontext des Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Nach dem Zerfall der UdSSR begann eine Phase, in der viele ehemalige Sowjetrepubliken formal ihre Unabhängigkeit erlangten. Dennoch setzte Russland weiterhin seinen Einfluss in der Region durch geopolitische Maßnahmen und kulturelle Dominanz, etwa durch die Verdrängung lokaler Sprachen, Narrative und Identitäten, fort. -
Russlanddeutsche
Zum Begriffsind Nachfahren deutscher Siedler*innen im ehemaligen Russischen Reich beziehungsweise der Sowjetunion.1 Als Aussiedler*innen / Spätaussiedler*innen wanderten seit 1950 mehrere Millionen von ihnen nach Deutschland ein. Über das Bundesvertriebenengesetz erhalten sie als deutsche Volkszugehörige direkt die deutsche Staatsangehörigkeit.2
Dennoch machen viele von ihnen Erfahrungen mit antislawischem Rassismus. Zusammen mit anderen Menschen mit eigener Wanderungserfahrung aus der ehemaligen Sowjetunion bilden sie eine der größten Gruppen von Eingewanderten in Deutschland. Fremdbezeichnungen wie „Deutsch-Russen“ oder „Kasachischstämmige“ greifen zu kurz, verkennen die Geschichte der Russlanddeutschen und werden oft als diskriminierend empfunden. Noch im Etablierungsprozess ist die Selbstbezeichnung Post-Ost für Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus Staaten kommen, die in Deutschland pauschal als sog. „Ostblock“ bezeichnet wurden und werden.
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russisch
Zum Begriff(russisch: русский/-ая/-ое) bezieht sich auf die russische Identität sowie den russischen Kulturkreis (inkl. Sprache, Folklore, Tradition etc.). Er wird verwendet, um Menschen zu beschreiben, die ethnische Russ*innen sind oder als solche wahrgenommen werden, und hebt deren tatsächliche oder zugeschriebene ethnische und kulturelle Zugehörigkeit hervor.
Siehe Unterscheidung zum Begriff russländisch -
russländisch
Zum Begriffwird als Bezeichnung verwendet, um klar zwischen der Zugehörigkeit zu einem Staat und der Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe und ihrer Kultur zu unterscheiden. Der Begriff „russländisch“ (russisch: российский/-ая/-ое) leitet sich vom Wort „Russland“ (russisch: Россия) ab und bezieht sich auf alles, was den Staat Russland betrifft – etwa Staatsangehörigkeit, staatliche Institutionen, Territorium oder Wirtschaft. Er beschreibt somit eine staatsbürgerliche oder territoriale Zugehörigkeit.
Siehe Unterscheidung zum Begriff „russisch“
K
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kaukasisch / caucasian
Zum Begriffist eine imperialistische bzw. koloniale Bezeichnung für Menschen aus dem Kaukasus. Sie suggeriert eine Homogenität in Bezug auf Sprache, Kultur und Religion, die so nicht existiert. Stattdessen sollten konkrete Bezeichnungen wie tschetschenisch, dagestanisch, armenisch, georgisch oder aserbaidschanisch usw. verwendet werden.
In den USA wird „caucasian” teils noch als Synonym für weiß bzw. für weiße, europäischstämmige Menschen verwendet – eine Praxis, die kritisiert wird. Der Begriff geht auf rassistische Klassifikationen aus dem 18. Jahrhundert zurück, in denen Menschen willkürlich in „Rassen“ eingeteilt und weiße Europäer*innen als vermeintlich überlegen dargestellt wurden.