Deutsche Redaktionen sind oft noch weit davon entfernt, die Gesellschaft abzubilden, über die sie berichten. Das liegt oft an hartnäckigen Irrtümern. Dieser Leitfaden räumt mit den gängigsten davon auf. Er ist in fünf Bereiche gegliedert, die zusammen den Weg zu mehr Diversität in Redaktionen beschreiben: von der grundsätzlichen Frage, warum das überhaupt wichtig ist, bis hin zur Frage, wen man eigentlich erreichen will.
- Warum überhaupt? Die Grundlage
- Recruiting: Wer kommt gar nicht erst durch die Tür?
- Redaktionskultur: Drinnen anfangen
- Strukturelle Hindernisse: Was Redaktionen aufhält
- Publikum: Wen sprecht ihr eigentlich an?
Warum überhaupt? Die Grundlage
Irrtum „Diverses Personal ist doch kein Qualitätsmerkmal."
Stimmt und darum geht es auch nicht. Journalist*innen mit Diskriminierungserfahrungen sind nicht objektiver, professioneller oder kompetenter als andere. Aber sie bringen etwas mit, das in vielen deutschen Redaktionen fehlt: andere Blickwinkel, neue Themen und einen direkten Zugang zu Communities, die sonst kaum vorkommen.
Außerdem können Journalist*innen, die aufgrund ihrer Identität oder äußerer Zuschreibungen selbst Diskriminierung erfahren, meistens besser oder überhaupt erkennen, wenn andere abgewertet oder ausgegrenzt werden. Sie sind nicht immer, aber ziemlich oft diskriminierungssensibel in ihrer Berichterstattung und in der Redaktion. Das ist der Unterschied.
Irrtum „Wer gut ist, setzt sich sowieso durch."
Leider nein. Die Zählung von ProQuote Medien zeigt: Obwohl rund zwei Drittel der Volontär*innen weiblich sind, stellen 2025 Frauen bei Regionalzeitungen nur etwa ein Fünftel der Chefredaktionen. 2020 haben die Neuen deutschen Medienmacher*innen erhoben: Nur sechs Prozent der Chefredakteur*innen hatten einen statistischen Migrationshintergrund. Tendenz: kaum steigend.
Irrtum „Bei uns haben alle die gleiche Chance."
Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht. Der Weg in den Journalismus ist nicht standardisiert. Netzwerke und Kontakte zählen oft mehr als Talent. Diese Buddy-Kultur ist überwiegend weiß, cis-männlich, heterosexuell, akademisch und ohne Behinderung. Wer nicht dazugehört, spürt das.
Gleiche Chancen entstehen nicht von selbst. Sie brauchen aktive Maßnahmen: Mentoring, transparente Auswahlverfahren, Netzwerke wie das der Neuen deutschen Medienmacher*innen oder Leidmedien.
Recruiting: Wer kommt gar nicht erst durch die Tür?
Irrtum „Es bewirbt sich halt keiner."
Doch – nur nicht dort, wo man sich nicht willkommen fühlt. Wenn die Neuen deutschen Medienmacher*innen ein Mentoringprogramm ausschreiben, bewerben sich mehr als hundert angehende Journalist*innen of Color oder mit Einwanderungsgeschichte. Das Potenzial ist da. Die Frage ist, ob Medienhäuser es auch erreichen.
Unsere Checkliste für diversitygerechtes Recruiting zeigt, wie Redaktionen die besten Talente finden.
Irrtum „Die wollen doch sowieso lieber Arzt oder Anwalt werden."
Dieses Argument erklärt sich selbst. Die meisten Menschen orientieren sich an Vorbildern aus dem eigenen Umfeld. Dazu kommt: Journalismus ist ein unsicherer Beruf. Wer freischaffend startet, lebt oft prekär. Diesen Schritt zu wagen braucht Selbstvertrauen und familiäre Rückendeckung, beides ist nicht selbstverständlich, unabhängig von der Herkunft.
Die Lösung liegt nicht im Abwarten, sondern darin, früh Vorbilder zu schaffen und Einstiege zu erleichtern.
Irrtum „Wir haben doch schon jemanden mit Migrationshintergrund."
Noch nie gehört: „Ach schade, aber wir haben schon einen Mann in der Nachrichtenredaktion." Oder: „Bei uns gibt's schon so viele Heteros, versuchen Sie es doch woanders."
Eine einzelne Person verändert eine Redaktion nicht. Die Wissenschaft spricht von einer „kritischen Masse"1: Erst wenn mehrere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen in einer Redaktion arbeiten, können sie Themen setzen, Perspektiven einbringen und Strukturen wirklich beeinflussen. Darum sind lediglich ein oder zwei migrantische, queere oder behinderte Journalist*innen in einer Redaktion zwar besser als keine*r, aber sie allein werden nicht viel ausrichten können. Wenn Fortschritt und Vielfalt das Ziel sind, reicht eine Vorzeige-Person nicht.
Redaktionskultur: Drinnen anfangen
Irrtum „Gute Journalist*innen können über alles berichten."
Theoretisch ja. Praktisch ist Berichterstattung immer eine Frage des Blickwinkels und der hängt davon ab, wer im Raum sitzt.
Noch vor wenigen Jahrzehnten saßen in Redaktionen fast ausschließlich Männer. Themen wie ungleiche Bezahlung, Kinderbetreuung oder Reproduktionsmedizin galten als Randthemen, weil sie für die Mehrheit in der Redaktion keine Rolle spielten. Das hat sich geändert, seit Frauen auch in Chefredaktionen sitzen. Dieselbe Logik gilt für alle anderen Perspektiven: Eine ältere Journalistin setzt andere Schwerpunkte als eine jüngere. Jemand ohne Hochschulabschluss sieht andere Aspekte als eine Akademiker*in. Ausgewogene Berichterstattung ist auch eine Frage der Zusammensetzung der Redaktion.
Irrtum „Die sind bei vielen Themen befangen."
Dieses Argument wird selektiv angewendet. „Weiß", „männlich" oder „heterosexuell" gelten nicht als Perspektiven, die den Blick verzerren könnten. „Migrantisch", „trans*" oder „schwul" schon. Schwarze Journalist*innen oder Menschen mit Kopftuch werden schnell als Aktivistinnen in eigener Sache wahrgenommen – ihre weißen, cis-männlichen Kolleg*innen dagegen als neutral.
Befangenheit ist keine Frage der Herkunft oder Identität. Sie ist eine Frage der Reflexion und die ist von allen Journalist*innen zu leisten.
Immerhin: Große Rundfunkanstalten, die lange vermieden haben, Erstsprachler*innen als Auslandskorrespondent*innen einzusetzen, rücken zunehmend von dieser Praxis ab. Ein überfälliger Schritt.
Irrtum „Das Wissen kann sich unsere Redaktion selbst aneignen."
Ja, und das sollte sie auch tun. Diversity-Kompetenz ist erlernbar und gehört heute zum journalistischen Handwerk. Diskriminierungserfahrung schärft den Blick, ist aber keine Voraussetzung für diskriminierungskritische Berichterstattung.
Was dabei oft übersehen wird: Inter- und subkulturelle Kompetenz ist eine journalistische Qualifikation, sie wird nur selten als solche anerkannt und entsprechend selten gefördert. Aus- und Weiterbildung ist deshalb auch für divers besetzte Redaktionen nicht optional, sondern Standard.
Strukturelle Hindernisse: Was Redaktionen aufhält
Irrtum „Frauen wollen doch gar nicht Karriere machen."
Doch, aber die Strukturen lassen es oft nicht zu. Die Studie von ProQuote Medien „Führungsfrauen in den Medien: der harte Weg nach oben" von 2024 zeigt, wo es hakt: Die Schere zwischen den Karriereverläufen öffnet sich vor allem zwischen 30 und 39 Jahren – genau dann, wenn Männer häufiger in Führungspositionen aufsteigen und Frauen gleichzeitig einen Großteil der Care-Arbeit übernehmen. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles.
Was hilft: flexible Arbeitszeiten, verlässliche Kinderbetreuung und Vorbilder, die zeigen, dass Care-Arbeit keine Frauensache ist. Solange Redaktionen das nicht aktiv gestalten, bleibt der Aufstieg für viele Journalistinnen eine Frage der privaten Umstände – nicht der Leistung.
Irrtum: „Die zusätzliche Belastung kann ich der Redaktion nicht zumuten.”
Ja, Veränderungen werden nötig sein. Aber sie kommen allen zugute. Inklusive Strukturen bedeuten in der Praxis: mehr Homeoffice-Möglichkeiten, Ruheräume, transparentere Kommunikation. Das sind keine Sonderlösungen – das ist gute Arbeitsorganisation. Vorurteile und Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen gibt es auch unter Journalist*innen. Sie lassen sich abbauen. Sie dürfen aber niemals ein Grund sein, Menschen mit Behinderungen auszuschließen.
Publikum: Wen sprecht ihr eigentlich an?
Irrtum „Unser Publikum will das nicht."
Wenn das wirklich stimmt, lohnt sich die Frage, was das über das Medium und seine Ausrichtung sagt. Auf die meisten Medien trifft diese Annahme ohnehin nicht zu.
Menschen mit Migrationsgeschichte machen bereits über 30 Prozent der Bevölkerung aus, bei Jugendlichen sind es über 40 Prozent. In repräsentativen Umfragen wünschen sich Medienkonsument*innen seit Langem eine vielfältigere Besetzung2.Wer sich im Programm nicht wiederfindet, sucht sich andere Angebote und wird sie finden3. Jüngere Zielgruppen weichen längst auf Social Media und Streaming aus, wo Content Creator*innen Vielfalt authentisch verkörpern.
Irrtum „Wir können keine Moderator*in mit Akzent einsetzen."
58 Prozent der Bundesbürger*innen würden es befürworten, wenn in TV und Radio auch Moderator*innen eingesetzt werden, an deren Aussprache zu erkennen ist, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des NDR4 hervor.
Akzente sind kein Makel. Sie sind Ausdruck erweiterter Sprachkompetenz und repräsentieren eine Gesellschaft, die längst mehrsprachig ist. Wir begegnen ihnen täglich – auf der Straße, beim Arzt, am Arbeitsplatz. Nur im deutschen Radio und TV hören wir sie kaum. Es wird Zeit, das zu ändern.