Jump to content

Argumente für mehr Vielfalt

Vielfalt in den Medien wird immer noch als Nischenthema behandelt, losgelöst von Strategie und Zukunftsfragen. Angesichts sinkender Reichweiten, wachsender Konkurrenz und des Umbruchs durch KI ist das fatal. Dabei liegt gerade in der Krise ein tiefgreifender Transformationsprozess, den Medienhäuser dringend brauchen. Personelle Vielfalt bedeutet Perspektivenvielfalt und die ist längst ein strategischer Erfolgsfaktor.

Es geht nicht nur um Chancengerechtigkeit oder gesellschaftliche Repräsentation. Mehr Vielfalt erschließt neue Zielgruppen, erzählt bessere Geschichten, stärkt Glaubwürdigkeit und sichert die Zukunftsfähigkeit der Medien. Und nicht zuletzt: Sie ist eine Frage unserer Demokratie.

  • Neue Zielgruppen
  • Neue Geschichten
  • Wichtige Kompetenzen
  • Mehr Glaubwürdigkeit
  • Zukunftsfähigkeit
  • Unsere Demokratie

Neue Zielgruppen

Manche Medienunternehmen scheinen noch anzunehmen, ihr Publikum sei dasselbe wie vor fünfzig Jahren. Dabei sieht unsere Gesellschaft so aus: die Hälfte Frauen, über 30 Prozent mit Einwanderungsgeschichte, jede*r Zehnte mit Behinderung, immer mehr Menschen, die sich offen als LSBTIQ* identifizieren.

All diese Gruppen nutzen Medien intensiv, und viele finden sich darin kaum wieder. Menschen mit Behinderung stoßen auf Barrieren wie fehlende Untertitel oder Audiodeskription. Frauen sind trotz gleicher Mediennutzung deutlich unterrepräsentiert. Wer nicht typisch deutsch aussieht oder heißt, empfindet die Berichterstattung oft als stereotyp.

Das ist eine verpasste Chance. Medienhäuser können diese Menschen als Zielgruppe gewinnen. Indem sie:

  • alle Gruppen themenübergreifend zeigen. Menschen mit Behinderung nicht nur bei Gesundheitsthemen, Musliminnen nicht nur beim Thema Kopftuch, Schwarze Menschen nicht nur bei Rassismus.
  • Stereotype reflektieren und Themen aufgreifen, die neue Zielgruppen interessieren.
  • personelle Vielfalt in die Redaktion holen
  • Inhalte barrierefrei anbieten.
  • einen Gesellschaftsquerschnitt zeigen in allen Formaten, von Talkshows bis Vox-Pops, und bei der Auswahl von Expert*innen.
  • Journalist*innen aus unterrepräsentierten Gruppen fördern
  • bei der Bebilderung die Vielfalt unserer Gesellschaft abbilden. Das gilt besonders für Themen, die alle angehen, wie Rente, Bildung, das Wetter oder Gesundheitstipps.

Neue Geschichten

Die Durchschnittsperson im deutschen Journalismus ist männlich, Mitte vierzig und akademisch gebildet.1 Dieser Blick dominiert, was berichtet wird und wie.

Vielfältig besetzte Redaktionen wirken wie ein Weitwinkelobjektiv. Wer unterschiedliche Lebenswelten in die Redaktion holt, holt auch andere Fragen, andere Zugänge und andere Themen. Eine Rollstuhlfahrerin erzählt eine andere Geschichte über kommunale Verkehrsplanung als der Kollege, der mit dem Auto zur Arbeit kommt. Jemand, dessen Eltern auf Sozialleistungen angewiesen waren, hat zum bedingungslosen Grundeinkommen einen anderen Zugang als jemand aus einer Anwaltsfamilie.

Vielfältige Teams stellen in der Recherche andere Fragen: zu Diskriminierung, zu Zugängen zum Gesundheitssystem, zu Wohnsituationen. Sie öffnen damit ganz neue Storylines. Editorische Entscheidungen werden sensibler, Stereotype seltener, Geschichten authentischer.


Wichtige Kompetenzen

Vielfalt entfaltet enormes Potenzial, aber nur, wenn sie aktiv gestaltet wird. Diverse Teams zeigen höhere Innovationskraft, bessere Problemlösung und ausgewogenere Entscheidungen, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.2 Das gilt für Unternehmen und erst recht für Redaktionen.

Vielfältige Teams bringen Kompetenzen mit, die im Journalismus chronisch fehlen:

  • Inter- und subkulturelles Wissen und Zugänge zu Communities, die bisher kaum vorkommen
  • Mehrsprachigkeit einschließlich Gebärdensprache
  • Neue Kontakte zu Expert*innen und Protagonist*innen jenseits des üblichen Adressbuchs
  • Zugänge zu Communitys und ihren Themen
  • Vermittlungskompetenz für Themen
  • Gelebte Erfahrungen mit Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen
  • Den Blick für blinde Flecken, also die Fähigkeit, gesellschaftliche „Normalitäten" zu hinterfragen, die für andere unsichtbar bleiben

Dabei gilt: Wer Journalist*innen mit diversen Hintergründen einstellt, sollte sie nicht auf ihr Diversitätsmerkmal reduzieren. Nicht jede Person mit Migrationsgeschichte muss automatisch Migrationsthemen betreuen. 


Mehr Glaubwürdigkeit

Vertrauen schenken wir am ehesten jenen, die uns ähnlich sind. In Menschen, die uns in vielem gleichen, erkennen wir uns selbst wieder. Ihre Geschichten berühren uns eher, denn sie könnten unsere eigenen sein.

Das bestätigen auch Studien: Journalist*innen mit unterschiedlichen kulturellen und biografischen Hintergründen binden ein diverses Publikum und stärken dessen Vertrauen in das Medium. Sie sind Vorbilder und Identifikationsfiguren3.

Medien, die Diversität und Repräsentation ernst nehmen, werden von einem breiteren Publikum als glaubwürdiger und vertrauenswürdiger wahrgenommen. Das ist nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern ein zentraler Faktor für Erfolg und Akzeptanz in einer pluralistischen Gesellschaft. Wo dieses Vertrauen fehlt, entstehen Desinformation und Polarisierung, und alternative “Informationsräume” gewinnen an Einfluss.


Zukunftsfähigkeit

Zukunftsfähigkeit hängt unmittelbar davon ab, wie vielfältig Redaktionen aufgestellt sind. Wer die Lebensrealität großer Teile der Gesellschaft nicht abbildet, verliert nicht nur Vertrauen, sondern auch Publikum. Vielfalt bringt Innovation, Kreativität und Zugang zu Zielgruppen, die heute noch unerreicht bleiben.

Eine immer diversere Gesellschaft stellt die Medienwelt vor eine Grundsatzfrage: Investieren wir jetzt in Strukturen, die Schritt halten, oder warten wir ab, bis wir den Anschluss verloren haben? Medien, die Vielfalt weiterhin nur nebenbei behandeln, verabschieden sich nicht nur von der Zukunft, sondern auch von ihrer eigenen Relevanz.


Unsere Demokratie

Unsere Gesellschaft braucht Journalismus, der Menschen informiert und politische Meinungsbildung ermöglicht. Je homogener die Redaktionsteams sind, desto schwerer fällt es, vielfältige Perspektiven einzubringen und die Themen einer pluralen Gesellschaft vorurteilsfrei aufzugreifen. Je diverser sie sind, desto besser gelingt das.

Gerade aufgrund des besonderen verfassungsrechtlichen Auftrags der Medien ist die Frage der Zugangsgerechtigkeit und der Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen im Journalismus nicht zuletzt eine demokratische Frage. Das gilt besonders für öffentlich-rechtliche Medien, aber nicht nur für sie.

  1. „Journalismus in Deutschland 2023“ ein Arbeitspapier des Hans‑Bredow‑Instituts

  2. McKinsey-Studie „Diversity Wins: How Inclusion Matters" (2020)
    McKinsey-Studie „Die Bedeutung von Vielfalt für den Geschäftserfolg wird immer stärker" (2024)

  3. WDR-Studie: Junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte: Mediennutzung und Programmerwartungen. 2020

Keine Neuigkeit verpassen

Abonniere unseren Newsletter für Einblicke, Tipps und alles, was uns bewegt.

Jetzt anmelden