Die deutsche Medienlandschaft zeigt noch immer große Lücken, wenn es darum geht, die Vielstimmigkeit unserer Gesellschaft abzubilden. Dabei ist es gerade die Aufgabe des Journalismus, Realität differenziert und wahrheitsgetreu zu spiegeln – nicht nur für einige, sondern für alle.
Doch die Berichterstattung ist oft einseitig, Menschen mit Migrationsgeschichte und Angehörige von Minderheiten werden bestenfalls als Randfiguren oder Stereotype dargestellt. Unsere Empfehlungen zeigen Wege auf, wie Journalist*innen endlich Narrative hinterfragen und neue Ansätze finden können, die unsere Gesellschaft realistisch und respektvoll darstellen.
Betroffene zu Wort kommen lassen Persönliche Geschichten und Perspektiven von Betroffenen rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt sind oft unterrepräsentiert. Anstatt sich auf populistische Forderungen einzelner Politiker*innen zu konzentrieren, sollten Journalist*innen Betroffene selbst zu Wort kommen lassen und die Ursachen und Geschichte ihrer Flucht beleuchten. Diese persönliche Ebene schafft nicht nur Empathie, sondern trägt auch maßgeblich dazu bei, Vorurteile abzubauen und ein tieferes Verständnis für die komplexen Herausforderungen von Migration zu fördern.
Auf Fakten setzen Die Zahl der rechtsextrem motivierten Straftaten gegen Geflüchtete ist laut Bundesinnenministerium 2023 um 75% gestiegen, was zeigt, wie gefährlich Falschinformationen und Hassrede in der Asyldebatte sind. Journalist*innen sollten wachsam sein, wenn in der Berichterstattung über Flucht und Migration Grundrechte infrage gestellt oder zur Gewalt aufgerufen wird. Anstatt solche Forderungen unkritisch wiederzugeben, ist es ihre Aufgabe, diese Entwicklungen klar einzuordnen und auf die grundgesetzwidrigen Implikationen hinzuweisen. Durch die Zusammenarbeit mit Asylrechtsexpert*innen können Medien die Debatten versachlichen und juristisch fundierte Perspektiven bieten, um den öffentlichen Diskurs auf Basis von Fakten und Rechtsstaatlichkeit zu führen. Zur Unterstützung haben die Neuen deutschen Medienmacher*innen weit verbreitete falsche Narrative über Migration hier zusammengefasst und mit Fakten widerlegt. Polarisierende und aufgebauschte Themen auf Kosten von Minderheiten sollten vermieden werden.
Nuancierte Einblicke bieten Statt Migration einseitig als Problem darzustellen, braucht es Geschichten, die Vielfalt und Normalität betonen. Stereotype führen nur zu verzerrten Bildern, die echte Vielfalt verschleiern.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Medien häufig eine übermäßig negative Berichterstattung über Migration pflegen. Zwischen 2016 und 2020 dominierten negative Themen wie Terrorismus und Kriminalität die Berichterstattung, während positive oder neutrale Geschichten seltener waren. Die Studie zeigte, dass in nur 3% der Medienberichterstattung über Migration auf Straftaten gegen Geflüchtete eingegangen wurde, während 13% über Kriminalität von Geflüchteten berichteten. Darüber hinaus zeigt eine weitere Studie im Jahr 2024, dass ein Großteil der Berichterstattung über den Islam und Muslim*innen auf Negativthemen wie Terrorismus und Sicherheit fokussiert ist (86% bei ARD-Beiträgen). Um die Vielfalt und Realität des muslimischen Lebens in den Fokus zu rücken, sollten Journalistinnen mehr konstruktive und positive Aspekte aufgreifen. Eine ausgewogene Darstellung kann helfen, Stereotype abzubauen und ein differenziertes Bild der muslimischen Gemeinschaft zu vermitteln.
Sprache bewusst einsetzen Begriffe prägen die Wahrnehmung. Journalist*innen sollten bewusst und differenziert formulieren, um homogene Darstellungen zu vermeiden und die Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft zu zeigen.
Nicht selten passiert es aber, dass beispielsweise Begriffe wie »Zuwanderung« und »Einwanderung« in einem Beitrag als Synonyme verwendet werden. Die deutsche Gesellschaft hat sich verändert, sie ist vielfältiger geworden. Das sollte sich in der Berichterstattung wiederfinden. Gleichzeitig müssen Journalist*innen oft vereinfachen, um komplizierte Sachverhalte kurz und verständlich darzustellen. Manchmal führt das zu einem Dilemma: Wie beschreibe ich die Gruppe, der jemand angehört? Wie beschreibe ich die anderen? Und wo ist diese Trennung wirklich nötig? Zunächst ist es sinnvoll, die Protagonist*innen zu fragen, wie sie sich selbst nennen würden. Vertreter*innen von strukturell benachteiligten Gruppen wissen am besten, wie sie bezeichnet werden wollen. Das ist allerdings nicht immer möglich. Zudem kann man bei der Beschreibung von Gruppen nicht davon ausgehen, dass alle dieselbe Präferenz haben. Bei einer allgemeinen Bezeichnung für Eingewanderte und ihre Nachkommen läuft man Gefahr, das Bild einer homogenen Gruppe zu erzeugen. Menschen mit Migrationsgeschichte sind jedoch keineswegs homogen: Aussiedler*innen haben in der Regel mit Geflüchteten aus dem Libanon so wenig gemeinsam wie kemalistische Türk*innen mit kurdischen Feminist*innen. Dennoch ist es in der Berichterstattung manchmal nötig, eine Gruppe pauschal zu benennen. Die vorliegenden Erläuterungen dienen der Präzisierung von Begriffen und bieten praktische Vorschläge für die differenzierte Bezeichnung von Minderheiten, der Mehrheit und natürlich auch von beiden. Seit 2014 veröffentlichen die Neuen deutschen Medienmacher*innen regelmäßig ein Glossar mit Formulierungshilfen, Erläuterungen und alternativen Begriffen für die Berichterstattung in der Einwanderungsgesellschaft.
Geeignete Bilder wählen Bilder schaffen Wirklichkeit. Medien müssen stereotype Darstellungen vermeiden und stattdessen visuelle Narrative bieten, die die Vielfalt und Würde der Betroffenen respektieren.
Muslim*innen werden zudem häufig durch Bilder wie "Sicherheitsrisiko" oder "kulturelle Herausforderung" dargestellt, oft durch stereotype visuelle Merkmale wie das Kopftuch. Mit der Art und Weise wie sie Menschen, Situationen und Dinge darstellen, schaffen Bilder Wirklichkeit. Unsere Wahrnehmung gesellschaftlicher Realität hängt stark von den Fotos und Videos ab, die wir täglich zu sehen bekommen – besonders dann, wenn es um Menschen mit Diskriminierungserfahrungen geht. Fotos sind keine neutrale oder objektive Abbildung der Realität, vielmehr konstruieren sie diese. Unkommentiert, spiegeln sie deutlich die Macht- und Herrschaftsverhältnisse unserer Gesellschaft wider.
Kontext bieten Themen wie Antisemitismus, Asylrecht, Kriminalität – getrennt betrachten, statt vermischen. Ein präziser Umgang mit Themen verhindert populistische Drohszenarien und stärkt den sachlichen Diskurs.
Eine sachliche und differenzierte Berichterstattung hilft dabei, diffuse Bedrohungsszenarien, wie zum Thema Messerkriminalität und Migration, zu vermeiden, die oft rassistisch konnotiert und von rechtspopulistischen Kräften instrumentalisiert werden. Durch präzise Einordnung und Faktenorientierung können Medien dazu beitragen, ein differenziertes Bild von Migration und der Einwanderungsgesellschaft zu vermitteln und so zur Versachlichung des öffentlichen Diskurses beitragen.
Kontinuierlich berichten Migration ist kein Krisenthema. Nur eine regelmäßige Berichterstattung kann das vollständige Bild von Migrant*innen zeichnen.
Wie eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2024 zeigt, bleiben die langfristigen Herausforderungen und Erfolge von Migrant*innen oft unerwähnt. Eine kontinuierliche Berichterstattung würde helfen, ein vollständigeres Bild zu zeichnen.
Fundierte Berichterstattung fördern Während Meinungsbeiträge wichtig bleiben, sollte der Fokus verstärkt auf fundierten Recherchen und noch nicht ausreichend behandelten Themen in Bezug auf Migration und Einwanderungsgesellschaft liegen. Es gibt viele unbeachtete Aspekte, die sorgfältiger Analyse und Berichterstattung bedürfen.
Kritisch gegenüber Behörden bleiben In der Berichterstattung, insbesondere bei Themen wie Rassismus, sollten Journalist*innen Sicherheitsbehörden nicht unkritisch behandeln. Laut einer Studie der Uni Duisburg-Essen 2022 sind rassistische Einstellungen unter Polizist*innen keine Einzelfälle. Aufgabe von Journalismus ist es, die Komplexität von Polizeiarbeit sichtbar zu machen und somit auch Missstände aufzudecken.
Selbstkritik üben Auch Medien machen Fehler. Echte Reflexion und Auseinandersetzung mit eigenen rassistischen Mustern sind überfällig, um Vielfalt glaubwürdig zu vertreten. National Geographic hat beispielsweise im Jahr 2018 einen unabhängigen Historiker damit beauftragt, die eigene, über hundert Jahre andauernde Berichterstattung auf Rassismus zu untersuchen. Die Ergebnisse waren erschütternd. Die Zeitschrift veröffentlichte sie unter der Überschrift „For Decades, Our Coverage Was Racist. To Rise Above Our Past, We Must Acknowledge It