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Checkliste: Klischees erkennen, Perspektiven prüfen

Wer weniger einseitig berichten und vielfältige Positionen, Blickwinkel und Themen berücksichtigen will, kann sich bei der journalistischen Arbeit regelmäßig die folgenden Fragen stellen

Was ist meine persönliche Einstellung zum Thema?

Journalismus ist keine Nachrichtenmaschine. Der eigene Blick – geprägt durch Herkunft, Erfahrungen, Redaktionskultur – wirkt bereits bei der Entscheidung mit, was als berichtenswert gilt. Wer die eigene Perspektive für allgemeingültig hält, ist ihr am stärksten ausgeliefert.

Bilde ich die Bandbreite der Positionen ab?

Journalismus neigt zur Vereinfachung: zwei Seiten, ein Konflikt. Doch die Realität bietet mehr. Ein Gespräch mit Fachleuten kann die eigene Einordnung korrigieren. Wenn in der Redaktion niemand ist, der auf andere Perspektiven aufmerksam machen kann, sollte das benannt werden und sich etwas ändern.

Kommen Betroffene zu Wort?

Über Rassismus reden, ohne Betroffene zu befragen. Über Barrierefreiheit schreiben, ohne Menschen mit Behinderung zu fragen. Das kommt immer noch vor. Manche Gruppen haben keine Pressestelle und keine Ressourcen für professionelle Öffentlichkeitsarbeit – das ist ein erschwerender Umstand, aber keine Ausrede. 

Nehme ich unbemerkt die Täter*innenperspektive ein?

In der Berichterstattung über Hasskriminalität passiert es regelmäßig, dass implizit das Verhalten der Opfer zur Erklärung herangezogen wird. Ein schwules Paar wurde nicht angegriffen, „weil sie sich küssten". Eine Frau wurde nicht ermordet, „weil sie sich trennen wollte". Menschen werden Opfer von Gewalt aufgrund homofeindlicher, misogyner oder antisemitischer Einstellungen der Täter*innen. Überschriften wie „Sie musste sterben, weil sie ein Kopftuch trug“ nehmen ausschließlich die Sicht der Täter*innen ein. 

Hinterfrage ich Klischees?

Handelt die Geschichte wirklich von „arabischen Großfamilien" oder waren es drei Menschen in Neukölln? Leiden Menschen mit Behinderung tatsächlich immer „unter ihrem Schicksal"? Gibt es Karrierefrauen, aber keine Karrieremänner? Klischees sind resistent, auch gegenüber Journalist*innen, die es besser wissen wollen.

Gehe ich Populist*innen auf den Leim?

Das Verbreiten von Klischees und Unwahrheiten ist der erste Schritt, um gesellschaftliche Stimmungen und Debatten zu erzeugen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Das macht es umso wichtiger zu fragen: Ist dieser Aufreger wirklich relevant oder wurde er gezielt platziert? Hat die Gender-Professorin tatsächlich ein Sprechverbot gefordert oder hat jemand ihren Vorschlag zugespitzt? Provokation ist eine Strategie. Nicht darauf hereinzufallen, ist Handwerk.

Polarisiere ich unnötig?

Journalismus muss verständlich sein, aber nicht vereinfachend. Themen wie Flucht und Migration, die Ursachen urbaner Kriminalität, die vielfältigen Versuche, unsere Sprache geschlechtergerecht zu machen oder nicht-binäre Identitäten sind nunmal komplex. Monokausale Erklärungen und undifferenzierte Unterscheidungen zwischen gut und böse führen fast immer in die Irre. Das lässt sich dem Publikum auch so sagen. 

Normalisiere ich antidemokratische Positionen?

Fragen wie „Sollen wir Flüchtlinge im Mittelmeer retten?”, „Sind gleichgeschlechtliche Eltern gefährlich für Kinder?” oder „Gehört der Islam zu Deutschland?” zielen bewusst darauf ab, ohnehin schon ausgegrenzte Gruppen weiter zu marginalisieren und unter dem Vorwand der „Debatte” Unsagbares als legitime Position erscheinen zu lassen. Perspektiven- und Debattenvielfalt ist wichtig. Sie hat aber auch ihre Grenzen und die stehen im Grundgesetz.

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