Im Zuge der anstehenden Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern stehen Journalist*innen vor der Herausforderung, über rechtsextreme und demokratiefeindliche Positionen zu berichten, ohne ihnen zusätzliche Reichweite zu verschaffen. Besonders auf Social Media geraten Redaktionen dabei in ein Spannungsfeld zwischen journalistischem Anspruch und dem Druck, Reichweite zu erzielen.
Wiederkehrende Muster in der Social-Media-Berichterstattung begünstigen die Verbreitung rechtsextremer Positionen – oft selbst bei kritischer Absicht. Dazu gehören die Wiederholung rechtsextremer Narrative ohne ausreichende Einordnung sowie eine ungleiche Sichtbarkeit von Parteien und ihren Programmen. Zudem fehlen häufig die Perspektiven von Rassismus-Betroffenen und demokratisch Engagierten, während stereotype Darstellungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte verfestigt werden. Zudem bleiben menschenfeindliche Kommentare oft sichtbar, weil Community-Redaktionen durch hohe Kommentar-Aufkommen und sich wandelnde rechtsextreme Codes stark gefordert sind.
Wenn rechtsextreme Begriffe und Deutungsmuster wiederholt zu lesen sind, werden sie Teil des gesellschaftlichen Diskurses. Die Neuen deutschen Medienmacher*innen geben deshalb acht Empfehlungen für eine verantwortungsvolle Social-Media-Berichterstattung, die rechtsextreme Narrative entkräftet und demokratische Debatten stärkt.
Die Neuen deutschen Medienmacher*innen empfehlen:
- Social-Media-Posts als eigenständige journalistische Beiträge behandeln: Posts werden schnell rezipiert, oft ohne den zugrundeliegenden Beitrag zu lesen. Deshalb sollten auch Social-Media-Posts journalistischen Qualitätsstandards entsprechen.
- Reichweite nicht zum alleinigen Erfolgsmaßstab machen: Neben quantitativen Kennwerten wie Reichweite, Likes und Shares müssen auch die Qualität der Diskussion und der Beitrag zur informierten Meinungsbildung Erfolgsmaßstab sein.
- Das Agenda-Setting rechtsextremer Akteur*innen nicht übernehmen: Programme der Parteien gilt es, ausgewogen und kritisch zu thematisieren. Auch demokratische Akteur*innen in Ostdeutschland brauchen Sichtbarkeit. Aussagen von Politiker*innen erfordern dabei immer journalistische Einordnung; Zitat-Kacheln reichen nicht. Statt antidemokratische Narrative isoliert aufzugreifen, kann Journalismus z.B. deren Auswirkungen auf den Diskurs aufzeigen.
- Konkrete Folgen antidemokratischer Positionen sichtbar machen: Berichterstattung sollte zeigen, welche Auswirkungen politische Forderungen auf das alltägliche Leben, persönliche Freiheiten und gesellschaftliche Teilhabe haben. Dabei müssen auch die Perspektiven derer deutlich werden, die von (rechtsextremer) Ausgrenzungspolitik betroffen sind
- Komplexe Probleme nicht auf Menschen mit Einwanderungsgeschichte auslagern: Auch kurze Social-Media-Formate dürfen komplexe gesellschaftliche Probleme wie Kriminalität oder soziale Ungleichheit nicht in einer Weise zuspitzen, die falsche Zusammenhänge nahelegt. Stattdessen müssen wissenschaftlich fundierte Erklärungen und strukturelle Ursachen sichtbar bleiben.
- Desinformation nicht verstärken: Falschinformationen müssen faktenbasiert widerlegt werden, ohne die falsche Aussage unnötig prominent zu zeigen. Das „Wahrheitssandwich“ kann dabei helfen; politische Äußerungen sollten zudem nicht als gleichwertige Position zu wissenschaftlichen Erkenntnissen dargestellt werden (False Balance).
- Auf diskriminierungssensible Sprache und Bilder achten: Diskriminierende Begriffe und Bilder sollten vermieden werden. Statt Menschen mit Einwanderungsgeschichte als „die Anderen“ zu markieren, müssen auch Gemeinsamkeiten sichtbar werden. Glossar und Checklisten der Neuen deutschen Medienmacher*innen helfen, Stereotype zu vermeiden.
- Kommentarspalten als Teil des journalistischen Angebots moderieren: Mit der Veröffentlichung eines Posts endet journalistische Verantwortung nicht: Menschenfeindliche Kommentare müssen konsequent moderiert werden – dafür brauchen Community-Redakteur*innen klare Regeln, ausreichend Ressourcen und aktuelles Wissen über rechtsextreme Codes.
Praxistipps: Codes auf Social Media erkennen
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