Katharina Warda ist Soziologin, freie Autorin und Podcast-Host von „Kipppunkt Ost“. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit den Themenschwerpunkten Ostdeutschland, Rassismus, Klassismus und marginalisierten Perspektiven – aber auch Punk kommt bei ihr nicht zu kurz. Aufgewachsen in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) als Schwarze Ostdeutsche bringt sie eine Perspektive ein, die in Erzählungen über „den Osten“ häufig fehlt.
„Auf einmal war schwarz auf weiß manifest, was vorher noch ein undenkbarer Tabubruch war.“
— Katharina Warda, Soziologin und Autorin
Die AfD hat über 40 Prozent geholt, klar vor der CDU. Was war dein erster Gedanke, als die Zahl kam?
Damit hatte ich gerechnet. Ich bin selbst Wählerin in Sachsen-Anhalt und beobachte die Wahl schon sehr lange, unter anderem durch meinen Podcast Kipppunkt Ost. Mein erster Gedanke war deshalb keine Überraschung. Trotzdem habe ich mich erschreckt. Auf einmal war schwarz auf weiß manifest, was vorher noch ein undenkbarer Tabubruch war.
Wir hören seit Jahren, man müsse die Menschen ernst nehmen, die AfD wählen, weil sie sich angeblich nicht gehört fühlen. Wer wird in dieser Erzählung eigentlich überhört?
Ich bin sehr dafür, die Strukturen und Probleme ernst zu nehmen, die auch hinter solchen Wahlergebnissen stehen. Bloß ist das nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch eine Mehrheit an Menschen in Sachsen-Anhalt, die diese Probleme ebenfalls spüren, sich aber nicht für die rechtsextreme AfD mit ihrem menschenfeindlichen Populismus entschieden haben.
Darunter sind viele Menschen, die sich schon seit Jahren und Jahrzehnten für die Demokratie in Sachsen-Anhalt einsetzen und viel zu wenig gesehen werden. Darunter sind auch marginalisierte Menschen, nicht-weiße Sachsen-Anhalter*innen, Menschen mit Behinderungen, Migrant*innen und viele mehr, deren Lebensrealität das Wahlergebnis direkt beeinflusst.
Wir zeichnen schon seit jeher ein sehr homogenes, weißes Bild von „dem Osten" und auch von Sachsen-Anhalt und fangen immer dann an zuzuhören, wenn rechte Kräfte vor Ort extrem laut werden. Und genau dann hören wir denen zu, die sich auf der Verursacherseite befinden, nicht denen, die davon betroffen sind und sich demokratisch engagieren.
Ich glaube, diese einseitige Aufmerksamkeitsverteilung befeuert das Problem nur noch und macht viele wichtige Stimmen noch weiter unsichtbar.
Wann wird das Argument „Protestwahl" analytisch unbrauchbar?
Von einer Protestwahl spricht man, wenn Wähler ihre Stimme nicht aus Überzeugung für das Programm einer Partei abgeben, sondern um ihren Unmut oder ihre Enttäuschung gegenüber den etablierten Parteien oder der aktuellen Regierung auszudrücken. Dabei entscheidet man sich nicht für die Inhalte der Partei, sondern wählt gezielt eine Partei, die aufgrund ihrer Nischigkeit den etablierten Parteien einen Denkzettel verabreichen soll.
Wäre die AfD eine neue Partei, deren Inhalte noch nicht richtig einzuschätzen sind, würde ich das analytisch verstehen. Die AfD ist aber kein neues Phänomen. Sie hatte bereits bei den vorherigen Landtagswahlen 2021 20,8 Prozent und 2016 24,3 Prozent in Sachsen-Anhalt. Der Landesverband ist seit 2013 aktiv. In dieser Zeit wurde überwältigend viel medial über die Partei berichtet. Ihre Politiker sind wiederkehrende Gäste in großen Medienformaten. Die Partei ist also etabliert, und wir wissen, womit wir es inhaltlich zu tun haben – auch in Sachsen-Anhalt.
Hinzu kommt, dass sich der Zuspruch zur AfD auch empirisch nicht einfach als Ausdruck ökonomischer Sorgen erklären lässt. Die Forschung des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt kommt zu dem Schluss, dass sich der hohe Zuspruch zur AfD in Sachsen-Anhalt weniger durch ökonomische Sorgen erklären lässt als vielmehr mit verfestigten rechten Einstellungen, der Ablehnung von Zuwanderung und einer zunehmenden Normalisierung der AfD zusammenhängt.
Ignorieren wir diesen Aspekt, tragen wir meiner Meinung nach ebenfalls zur Normalisierung des Rechtsrucks bei und entbinden Wähler*innen und Partei von der Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen.
Hier kostenlos zum Meet-up anmelden
„Demokratie muss immer erarbeitet werden. Das hört nicht an der Wahlurne auf.“
— Katharina Warda
Du kritisierst seit Jahren die Vorstellung eines homogenen weißen Ostens. Was macht der AfD-Erfolg damit?
Meiner Einschätzung nach liegt ein großer Teil des Erfolgs der AfD im Osten darin, DDR-, Wende- und Ostdeutschlandnarrative für sich zu nutzen und mit der eigenen Ideologie aufzuladen. Die Vorstellung von einem homogenen weißen Osten bildet dafür eine Grundlage.
Kurz zur Erklärung: Sowohl in der DDR als auch in Ostdeutschland gab es von Anfang an eine komplexe und kontinuierliche Migrationsgeschichte sowie immer auch nicht-weiße Bürger*innen. Weder die DDR noch (Ost-)Deutschland nach 1990 verstanden sich selbst aber als vielfältige Gesellschaften. Politisch und medial wird dieses Bild bis heute bestätigt.
Sprechen wir über Ostdeutschland, sprechen wir automatisch von weißen Akteur*innen. Sprechen wir über rechte Gewalt, geht es um weiße Täter, nicht um Betroffene. Betrachten wir den Wahlerfolg einer rechtsextremen Partei, stellen wir sofort die Frage: Wie können wir ihren weißen Wähler*innen helfen? Schwarze Ostdeutsche wie ich, Sachsen-Anhalter*innen mit Flucht- und Migrationsgeschichte etc. sind automatisch kein Teil dieser Gespräche. Vielmehr noch: Man denkt oft gar nicht daran, dass es uns gibt. Geht es um die DDR, ist das noch gravierender.
Auf dieser Grundlage baut die AfD auf. Beispielsweise zeichnet der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund immer wieder ein vergangenes, vermeintlich sicheres Ostdeutschland und meint damit ein homogenes, weißes Ostdeutschland. Ganz explizit bezieht er sich in den letzten Wochen auf die 1990er und frühen 2000er Jahre, die wegen ihrer rassistischen Gewaltexzesse und rechten Hegemonien im öffentlichen Raum als „Baseballschlägerjahre" bekannt sind. Der kulturpolitische Sprecher Hans-Thomas Tillschneider imaginiert permanent eine völkisch-nationale Vorstellung von Kunst und Kultur.
In beiden Fällen geht es nicht um Fakten, sondern um Nostalgie. Auf der Gefühlsebene wird eine Idee von Überlegenheit geschaffen, die so nicht funktionieren würde, gäbe es nicht schon eine geteilte Vorstellung von einer vermeintlich rein weißen eigenen Geschichte.
Du sprichst in deiner Arbeit auch autobiografisch, als Schwarze Ostdeutsche. Was macht ein Ergebnis wie dieses mit Dir persönlich?
Ich habe Angst und kämpfe gegen die Resignation. Die Angst, die hochkommt, speist sich ganz stark aus meinen Erfahrungen mit den sogenannten Baseballschlägerjahren. Ich bin 1985 in Wernigerode, einer Kleinstadt im Harz, geboren und in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Meine erste prägende Erfahrung mit rechter Gewalt hatte ich mit sieben Jahren. Auf meinem Schulweg nach Hause wurde ich von einer Gruppe Berufsschülerinnen gejagt, beschimpft und mit Steinen angegriffen. Das war mein Auftakt in die Baseballschlägerjahre.
Ich glaube und hoffe nicht, dass sich diese Zeiten eins zu eins wiederholen. Aber die Strukturen sind da: Die Zahlen für rechte, rassistische und antisemitische Angriffe sind seit Jahren erschreckend hoch. Sachsen-Anhalt stand dabei im vergangenen Jahr bundesweit auf Platz drei im Vergleich der vom VBRG e.V. erfassten Bundesländer. In den 90ern und frühen 2000ern gab es eine sichtbare Übermacht an Neonazis im öffentlichen Raum. Auch die AfD setzt auf ein Gefühl von Übermacht. Die Medien haben damals der rechten Hetze noch weiter in die Hände gespielt – auch hier sehe ich Parallelen.
Und auch damals gab es eine große sogenannte „Mitte der Bevölkerung", ohne deren Zuspruch beziehungsweise Ignoranz das überhaupt nicht möglich gewesen wäre.
Ein großer Unterschied zu damals ist: Diesmal findet das auch auf parlamentarischer Ebene statt. Anders als in den 90ern gelingt es der AfD heute als rechtsextremer Partei, nahezu die Mehrheit der politischen Repräsentation im Landtag zu stellen.
Mein Alltag sieht heute anders aus als in den 90ern, und ich mache auch bessere Erfahrungen. Dennoch muss ich mit Gefühlen von Resignation und Enttäuschung kämpfen – gegenüber einer Politik, die zu wenig Verantwortung übernimmt, und gegenüber meinen Mitmenschen, unter denen sich statistisch gesehen ein Drittel mit einem Wahlergebnis identifiziert, dessen Folgen für mich und viele Menschen um mich herum Unterdrückung und teilweise existenzielle Bedrohung bedeuten.
„Wir zeichnen schon seit jeher ein sehr homogenes, weißes Bild von ‚dem Osten' und fangen immer dann an zuzuhören, wenn rechte Kräfte vor Ort extrem laut werden.“
— Katharina Warda
Wenn wir in den kommenden Jahren auf diese Wahl zurückblicken: Was könnte sich als entscheidender erwiesen haben als das eigentliche Wahlergebnis?
Ganz klar: wie wir mit dem Ergebnis umgegangen sind. Mit wem haben wir uns solidarisch gezeigt? Wie haben wir als Medienschaffende darüber berichtet? Welche Perspektiven wurden dabei gehört? Wen haben wir wie zur Verantwortung gezogen? Welche Verantwortung haben wir übernommen? Und wie hat sich das alles in Taten übersetzt?
Demokratie muss immer erarbeitet werden. Das hört nicht an der Wahlurne auf. Ich glaube, dass es jetzt gerade total wichtig ist, miteinander solidarisch zu sein und einander zuzuhören.
Dieses Wahlergebnis ist nicht über Nacht entstanden und begründet sich auch nicht nur in Sachsen-Anhalt. In Sachsen-Anhalt gibt es aber viele Menschen, die schon lange davor warnen und sich zivilgesellschaftlich engagieren. Lasst uns von diesen Menschen lernen und mit diesen Menschen kämpfen, sodass sich dieses Ergebnis nicht noch einmal wiederholt – weder auf Landes- noch auf Bundesebene.
Was hat dich an der Wahlberichterstattung zu Sachsen-Anhalt enttäuscht? Was sollte sich für kommende Wahlen ändern?
Ich hätte mir gewünscht, dass die AfD mehr entzaubert wird. Also: Jedes Mal, wenn sie inhaltlich nicht auf Fragen antwortet, mit Fehldarstellungen arbeitet und völkische Narrative verbreitet, sollte das auch so eingeordnet werden.
Ich hätte mir aber auch grundsätzlich gewünscht, dass den rechten Aussagen der AfD und anderer Parteien klare Grenzen gesetzt werden. Mich hat enttäuscht, dass auch mithilfe der Medien eine Normalisierung einer rechtsextremen Partei und rechter Aussagen stattgefunden hat.
Gleichzeitig war ich enttäuscht, dass es nicht einen stärkeren Fokus auf die tatsächlichen Probleme im Land gegeben hat. Dazu gehört auch rechte Gewalt, über die wir mehr sprechen müssen, anstatt einer rechtsextremen Partei ständig eine Bühne zu geben. Dazu gehört aber noch viel mehr. Sachsen-Anhalt ist eines der wenigen Bundesländer, in denen die Abwanderung immer noch höher ist als der Zuwachs. Wir haben einen Ärztemangel, brauchen mehr Ressourcen für Schule und Bildung und kämpfen in vielen Regionen gegen Strukturabbau. Dafür braucht es Lösungen. Und dazu müssen wir allen Parteien auf den Zahn fühlen.
Was kann guter Journalismus nach der Wahl in deinen Augen jetzt tun?
Ich glaube, jetzt hinzuschauen ist noch wichtiger als vorher. Erfahrungsgemäß sinkt die Aufmerksamkeit der Medien nach den Wahlergebnissen wieder rapide. Nur der Lokaljournalismus bleibt übrig. Genau das sehe ich als großes Versäumnis der letzten Jahrzehnte.
Aber gerade jetzt, nach dieser historischen Zäsur des Wahlergebnisses, müssen wir genau hinschauen, was vor Ort passiert: Inwiefern beeinflusst das Wahlergebnis rechte, rassistische und antisemitische Gewalt im Alltag? Was wird aus den strukturellen Problemen? Und vor allem braucht es auch kritischen Journalismus zum Schutz von Minderheiten, die vom Wahlerfolg der AfD direkt betroffen sind.
Die AfD darf ihre rechtsextremen Inhalte nicht ungesehen im Parlament normalisieren und in Gesetze umwandeln. Die Rechnung dafür tragen sonst nicht nur wir Menschen vor Ort. Die Folgen werden sich auch in anderen Ländern zeigen und spätestens bei den nächsten Bundestagswahlen wieder bemerkbar machen.
Hast du bereits unseren Newsletter abonniert?
Verpasse nicht unsere Medienanalysen und Impulse für eine vielfältige Medienlandschaft. Einmal monatlich erhältst Du unsere kuratierte Auswahl an News und Wissen.
Hier geht es zur Anmeldung