Hallo,
seit Jahren heißt es, man müsse Menschen ernst nehmen, die AfD wählen, weil sie sich angeblich nicht gehört fühlen. Aber wer wird dabei eigentlich überhört? Die Soziologin Katharina Warda erinnert im Interview daran, dass auch viele andere Menschen in Sachsen-Anhalt dieselben sozialen Probleme erleben, ohne rechtsextrem zu wählen. Sie engagieren sich für Demokratie, sind marginalisiert oder unmittelbar von rechtsextremer Politik betroffen, bekommen aber deutlich weniger Aufmerksamkeit.Diese einseitige Aufmerksamkeit prägt auch die Berichterstattung. Deshalb fordern wir Redaktionen nach den Landtagswahlen in diesem Instagram-Post auf: Gebt Betroffenen den Vorrang, nicht Populist*innen. Dazu gehört, Rechtsextreme klar einzuordnen, Sprache sorgfältig zu wählen, auf reißerische Aufmachung zu verzichten, mehr Selbstkritik zu üben und Formate zu überdenken.
In dieser Ausgabe
- Nachgefragt: Die Soziologin Katharina Warda über ihre Heimat Ostdeutschland und was der Journalismus jetzt besser machen kann
- Mehr davon, danke: Ein Appell an die Verantwortung der Wissenschaft in der öffentlichen Debatte
- Auf dem Radar: Eine Petition, die Nachrichten schützt, ungewöhnliche Karrierewege, eine verweigerte Akkreditierung u. a.
- Außerdem: Wo Ihr uns trefft und Veranstaltungs-Tipps
Bis zum nächsten Mal,
Deine Neuen deutschen Medienmacher*innen
Nachgefragt:
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt haben wir bei Katharina Warda nachgefragt: Welche Stimmen werden überhört, wenn wieder vor allem über die Wähler*innen der AfD gesprochen wird?
Katharina Warda ist Soziologin, freie Autorin und Filmemacherin. Sie beleuchtet, was in der offiziellen Geschichtsschreibung bis heute fehlt: Perspektiven auf Ostdeutschland jenseits der weißen, westdeutschen Mehrheitserzählung. Ihre Schwerpunktthemen sind Ostdeutschland, Rassismus, Klassismus und Punk. Außerdem ist sie Co-Host des Podcasts „Kipppunkt Ost", der mit Zivilgesellschaft und Expert*innen schaut, wie es vor Ort wirklich ist.
Redaktioneller Hinweis: Das vollständige Interview ist deutlich länger und auf unserer Webseite erschienen. Für den Newsletter haben wir die Antworten gekürzt. Auslassungen sind mit […] gekennzeichnet. Es lohnt sich, das ganze Gespräch zu lesen.
Wir hören seit Jahren, man müsse die Menschen ernst nehmen, die AfD wählen, weil sie sich angeblich nicht gehört fühlen. Wer wird in dieser Erzählung eigentlich überhört?
Katharina Warda: Ich bin sehr dafür, die Strukturen und Probleme ernst zu nehmen, die auch hinter solchen Wahlergebnissen stehen. Bloß ist das nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch eine Mehrheit an Menschen in Sachsen-Anhalt, die diese Probleme ebenfalls spüren, sich aber nicht für die rechtsextreme AfD mit ihrem menschenfeindlichen Populismus entschieden haben. Darunter sind viele Menschen, die sich schon seit Jahren und Jahrzehnten für die Demokratie in Sachsen-Anhalt einsetzen und viel zu wenig gesehen werden. Darunter sind auch marginalisierte Menschen, nicht-weiße Sachsen-Anhalter*innen, Menschen mit Behinderungen, Migrant*innen und viele mehr, deren Lebensrealität das Wahlergebnis direkt beeinflusst.
Wir zeichnen schon seit jeher ein sehr homogenes, weißes Bild von „dem Osten“ und auch von Sachsen-Anhalt und fangen immer dann an zuzuhören, wenn rechte Kräfte vor Ort extrem laut werden. Und genau dann hören wir denen zu, die sich auf der Verursacherseite befinden, nicht denen, die davon betroffen sind und sich demokratisch engagieren. Ich glaube, diese einseitige Aufmerksamkeitsverteilung befeuert das Problem nur noch und macht viele wichtige Stimmen noch weiter unsichtbar.
Du kritisierst seit Jahren die Vorstellung eines homogenen weißen Ostens. Was macht der AfD-Erfolg damit?
Katharina Warda: Meiner Einschätzung nach liegt ein großer Teil des Erfolgs der AfD im Osten darin, DDR-, Wende- und Ostdeutschlandnarrative für sich zu nutzen und mit der eigenen Ideologie aufzuladen. Die Vorstellung von einem homogenen weißen Osten bildet dafür eine Grundlage. […]
Sprechen wir über Ostdeutschland, sprechen wir automatisch von weißen Akteur*innen. Sprechen wir über rechte Gewalt, geht es um weiße Täter*innen, nicht um Betroffene. Betrachten wir den Wahlerfolg einer rechtsextremen Partei, stellen wir sofort die Frage: Wie können wir ihren weißen Wähler*innen helfen? Schwarze Ostdeutsche wie ich, Sachsen-Anhalter*innen mit Flucht- und Migrationsgeschichte etc. sind automatisch kein Teil dieser Gespräche. Vielmehr noch: Man denkt oft gar nicht daran, dass es uns gibt. Geht es um die DDR, ist das noch gravierender.
Auf dieser Grundlage baut die AfD auf. Beispielsweise zeichnet der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund immer wieder ein vergangenes, vermeintlich sicheres Ostdeutschland und meint damit ein homogenes, weißes Ostdeutschland. […] In beiden Fällen geht es nicht um Fakten, sondern um Nostalgie. Auf der Gefühlsebene wird eine Idee von Überlegenheit geschaffen, die so nicht funktionieren würde, gäbe es nicht schon eine geteilte Vorstellung von einer vermeintlich rein weißen eigenen Geschichte.
Was kann guter Journalismus nach der Wahl in deinen Augen jetzt tun?
Katharina Warda: Ich glaube, jetzt hinzuschauen ist noch wichtiger als vorher. Erfahrungsgemäß sinkt die Aufmerksamkeit der Medien nach den Wahlergebnissen wieder rapide. Nur der Lokaljournalismus bleibt übrig. Genau das sehe ich als großes Versäumnis der letzten Jahrzehnte. Aber gerade jetzt, nach dieser historischen Zäsur des Wahlergebnisses, müssen wir genau hinschauen, was vor Ort passiert: Inwiefern beeinflusst das Wahlergebnis rechte, rassistische und antisemitische Gewalt im Alltag? Was wird aus den strukturellen Problemen? Und vor allem braucht es auch kritischen Journalismus zum Schutz von Minderheiten, die vom Wahlerfolg der AfD direkt betroffen sind.
Die AfD darf ihre rechtsextremen Inhalte nicht ungesehen im Parlament normalisieren und in Gesetze umwandeln. Die Rechnung dafür tragen sonst nicht nur wir Menschen vor Ort. Die Folgen werden sich auch in anderen Ländern zeigen und sich spätestens bei den nächsten Bundestagswahlen wieder bemerkbar machen.
Das war nur ein Ausschnitt. Das vollständige Interview kannst Du auf unserer Webseite lesen
Auf dem Radar
Wir sind Erstunterzeichner*innen der CORRECTIV-Petition „Meine Nachrichten schützen“ Wir fordern von der Bundesregierung besseren Schutz vor digitaler Gewalt, sicheren Quellenschutz und Rechtssicherheit für gemeinnützigen Journalismus. Jetzt mitunterzeichnen
Was tun, wenn die Akkreditierung verweigert wird? Kurz vor der Landtagswahl wurde dem freien Journalisten und NdM-Mitglied Mohamed Amjahid die Akkreditierung für eine offizielle Wahlveranstaltung verweigert. Grund: „sicherheitsrelevante Bedenken“. Rechtsanwältin Stefanie Schork erklärt, welche Rechte Journalist*innen in solchen Fällen haben. Mehr dazu
„Amann unframed” Im Gespräch mit Melanie Amann spricht die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman über zunehmende Diskriminierung, neutrale Sprache und die Frage, ob politische Überzeugungen stärker geschützt werden sollten. Mehr dazu
Der Weg zum Journalismus ARD-Korrespondentin Iris Sayram erzählt von ihrer Kindheit in Köln, ihren suchtkranken Eltern und ihrem schwierigen Weg zum Abitur. Mehr dazu
KI für demokratische Kommunikation Der Werkzeugkasten von Faktor D hilft dabei, Zielgruppen besser zu verstehen, Botschaften zu schärfen und demokratische Inhalte zu vermitteln. Mehr dazu
AfD und der Umgang mit Medien Die AfD geht laut dem Journalisten Alexander Roth systematisch gegen kritische Medien vor: Sie macht Journalist*innen öffentlich verächtlich, schließt sie von Veranstaltungen aus, schikaniert und bedroht sie und markiert einzelne Personen gezielt als Feinde. Mehr dazu
Mehr davon, danke
Das Thema: Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler*innen in der öffentlichen Debatte?
Am Abend der Sachsen-Anhalt-Wahl saß der Politikwissenschaftler Christian Stecker bei Caren Miosga und erklärte, sowohl eine multikulturelle Gesellschaft als auch einen „ethnopluralistischen“ Entwurf gehörten zum demokratischen Pluralismus. Er sprach von der Vorstellung, das deutsche Volk sei eine „ethnokulturelle Gemeinschaft“, die es zu erhalten gelte. Dahinter steckt eine Kernidee der Neuen Rechten: Wer wirklich zum Volk gehört, entscheidet nicht allein die Staatsbürgerschaft, sondern Herkunft und eine angeblich gemeinsame Kultur.
Fabian Michl, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Freiburg, kritisiert im Verfassungsblog: Stecker behandle diese Vorstellung wie eine normale demokratische Position. Denn sie stellt die Gleichheit aller Bürger*innen infrage und teilt Menschen in jene ein, die wirklich dazugehören, und jene, deren Zugehörigkeit trotz deutschem Pass angezweifelt wird.
Worauf wir aufmerksam machen wollen: Normalisierung geschieht nicht nur dadurch, dass Medien Rechtsextreme einladen. Sie passiert auch, wenn Wissenschaftler*innen Begriffe der Neuen Rechten aufgreifen, akademisch verpacken und als legitime Seite einer demokratischen Debatte präsentieren. So wird aus einer ausgrenzenden Ideologie scheinbar eine gewöhnliche politische Meinung neben anderen.
Der Artikel erinnert deshalb an die Verantwortung von Wissenschaftler*innen: Autoritäre Politik beginnt häufig lange vor Gesetzen, Entrechtung und Gewalt. Sie beginnt auch damit, wie Fachleute über Volk, Zugehörigkeit und die Grenzen des demokratisch Sagbaren sprechen. Michls Frage: Verschaffen Wissenschaftler*innen völkischen Ideen neue Glaubwürdigkeit, wenn sie diese als normalen Teil des demokratischen Meinungsspektrums behandeln?
Unsere Veranstaltungen & Tipps
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Wo Ihr uns trefft
Meet-up: Vor welchen Herausforderungen stehen Medienschaffende nach den Landtagswahlen?
25. September 2026, ab 12:30 Uhr, via Zoom
Jana Pareigis und Mohamed Amjahid bieten einen geschützten Raum für den Austausch über die Arbeitsbedingungen von Medienschaffenden in politisch schwierigen Zeiten. Bring Deine Erfahrungen und Fragen mit. Zur Anmeldung
Kongress der Medienfrauen: „Keine Demokratie ohne Diversität”
25. September 2026, 11:00–13:00 Uhr, Hessischer Rundfunk in Frankfurt am Main
Beim jährlichen Kongress der Medienfrauen geht es um die gesellschaftliche Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Eröffnungsrunde unter der Moderation von Hadija Haruna-Oelker gestalten NdM-Geschäftsführerin Elena Kountidou, Marina Weisband, Saraya Gomis und Marieke Reimann.
Von unserem Projekt toneshift
Fachkonferenz #RECLAIMTHEDIGITAL: Gemeinsam das Digitale zurückfordern
7. Oktober 2026, 9:30–15:00 Uhr, Berlin Global Village
Wie können demokratische Stimmen im Netz wieder lauter werden? Euch erwarten eine Keynote von Dr. Deborah Schnabel, drei Workshops und eine Podiumsdiskussion. Mehr dazu
Bundespressekonferenz der Migrant*innenorganisationen BKMO 11
9. Oktober 2026, Berlin
Wie können migrantische Organisationen in schwierigen Zeiten handlungsfähig bleiben? Die 11. Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen schafft Raum für Austausch über Zusammenhalt, Solidarität und neue Bündnisse. Geplant sind unter anderem eine Fishbowl-Diskussion, ein Workshop zu Allyship und ein BIPoC-Resonanzraum. Mit dabei: NdM-Geschäftsführerin Elena Kountidou, Nam Duy Nguyen, Misbah Khan, Ehsan Djafari, Rasha Nasr und Tijen Ataoğlu.
Panel: „Ich bin doch kein Rassist, aber …“: Wie können wir ehrlich und faktenbasiert über Migration sprechen?
15. Oktober 2026, 18:30–20:00 Uhr, Publix Berlin
Wie lässt sich offen über Konflikte rund um Migration sprechen, ohne Probleme zu verschweigen oder rassistische Erzählungen zu bedienen? Darüber diskutiert CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit mit Cansel Kiziltepe, Ahmad Mansour, Hakan Demir und NdM-Geschäftsführerin Elena Kountidou.
CORRECTIV.Lokal Konferenz: Lokaljournalismus für alle – wer fehlt, und warum?
18.10.2026, 13:15–14:15 Uhr, Hyparschale Magdeburg
Was muss sich verändern, damit Lokaljournalismus wirklich alle Menschen erreicht? NdM-Geschäftsführerin Elena Kountidou und Journalistin und NdM-Mitglied Josephine Macfoy sprechen darüber, weshalb Kolleg*innen mit Migrationsgeschichte, aus Arbeiter*innenfamilien, mit Behinderung oder aus Ostdeutschland in Redaktionen häufig allein bleiben und ihre Themen als zu speziell gelten.
Berlin
Exile Talk: Same Label, Different Treatment
30. September 2026, 19:00–21:00 Uhr, Berlin, auf Englisch
Wie beeinflussen Herkunft, Rassismus und das deutsche Migrationssystem die Chancen exilierter Journalist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen? Der Exile Talk beleuchtet Unterschiede bei Visa, Arbeit, Unterstützung und Schutz. Mehr dazu
Barcamp, Varieté & freie PartyPartyParty
12. Dezember 2026, ab 13:30 Uhr, Lettrétage Berlin
Freischreiber lädt freie Journalist*innen zum Austausch und Feiern ein. Beim Barcamp geht es unter anderem um KI-Tools, Sicherheit bei politischer Berichterstattung und bessere Honorare. Tickets kosten 10 Euro für Kooperationspartner (als NdM-Mitglied seid Ihr das).
München
Tag des Auslandsjournalismus
9.–10. Oktober 2026, Süddeutsche Zeitung in München
Rund 200 Korrespondent*innen, Auslandsredakteur*innen und außenpolitische Fachleute diskutieren über Spardruck, Sicherheitsrisiken und Einschränkungen der Pressefreiheit. Für Journalistenschüler*innen, Volontär*innen und Studierende ist die Teilnahme kostenlos.
Potsdam
MIZ @ MediaTech Hub Conference 2026
29. September 2026, 11:00–13:00 Uhr, Studio Babelsberg in Potsdam
Wie können Medien unabhängig und relevant bleiben, wenn KI-Systeme zunehmend zwischen Journalismus und Publikum treten? Über diesen Link des MIZ gibt es 20 Prozent Rabatt auf reguläre Tickets.
Stuttgart
Medien Zukunft Festival: Journalismus von morgen
17. Oktober 2026, Hochschule der Medien in Stuttgart
Unter dem Motto “lokal, digital, demokratisch“ bietet das Festival Workshops, Diskussionen und Dialogformate zur Zukunft des Journalismus. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist erforderlich.
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