Jump to content

Artikel vom 16.07.2026

Diskriminerungssensibler Sportjournalismus: Vier Tipps nach sechs Wochen WM-Berichterstattung

Wie spielen Afrikaner Fußball, wer darf die WM kommentieren und was passiert in der Kommentarspalte, wenn ein Schwarzer Spieler den entscheidenden Elfer verschießt? Im Projekt BetterPost haben die Berichterstattung zur Fußball-WM der Männer über sechs Wochen beobachtet. Unsere wichtigsten Analysen und Tipps für einen diskriminierungssensiblen Sportjournalismus.

1. Othering vermeiden: Bei wem wird Herkunft zum Thema, bei wem nicht?

Sportlich beginnt das Spiel mit der Startaufstellung. Die Berichterstattung setzt aber oft früher an – Jahrzehnte früher. Häufig thematisieren Journalist*innen die Herkunft von Spielern, insbesondere Schwarzen Spielern oder Spielern of Colour. Jonathan Tahs Wurzeln und die seiner Eltern waren für viele Medien Thema, die von Joshua Kimmich und seiner Familie nicht. 

Mediales Othering hinterfragt die Zugehörigkeit von Athlet*innen, vor allem bei Turnieren, in denen Nationalmannschaften gegeneinander antreten. Über Herkunft lässt sich auch sensibel berichten, etwa wenn Protagonist*innen den internationalen Teil ihrer Biografie selbst erzählen. Spieler*innen teilen dann ihre eigene Perspektive, anstatt eine Identität von außen zugeschrieben zu bekommen.


2. Mehr Diversität in Redaktionen: Nicht nur die Sneaker sind weiß

Für uns bei NdM ist es kein neues Thema: In Redaktionen und vor allem deren Chef*innenetagen mangelt es an Diversität. Sportredaktionen bilden keine sichtbare Ausnahme. Die Posts der WM-TV-Teams von ARD, ZDF und Magenta zeigen zwar einen größeren Anteil an Frauen als in der Vergangenheit, an Schwarzen Personen oder PoCs fehlt es dagegen beinahe gänzlich – bei einem Turnier mit 48 Ländern von sechs Kontinenten.

Auf den Expert*innenpanels fehlen dadurch wichtige Perspektiven und Korrektive. So konnte Bastian Schweinsteiger dem „afrikanischen Fußball“ seine taktischen Fähigkeiten absprechen. Seiner Ansicht nach spielten die Teams dort „wild“. Eine Moderation, die hier reingrätscht oder zumindest kritisch nachfragt? Fehlanzeige. Wer Teams diverser aufstellt, erweitert zugleich das fachliche und perspektivische Spektrum der Redaktion.


3. Ressourcen fürs Community Management: Hasskommentare dürfen nicht stehenbleiben

Auf Instagram, TikTok, Facebook und weiteren Plattformen haben die Onlineredaktionen der Medienhäuser die Themen rund um die WM breit bespielt. 1.600 Posts hat allein die Sportschau laut WDR-Programmleitung im ersten Monat der WM veröffentlicht. 432.000 Kommentare sollen darunter abgesetzt worden sein. 

Dafür braucht es effektives Community Management mit genügend Ressourcen, fachlicher Expertise und Anerkennung innerhalb der Redaktion. Einen Leitfaden mit den wichtigsten Tipps bietet der Community Kodex. Zusätzliche Arbeit ersparen Redaktionen ihren CM-Teams auch ganz einfach, wenn sie bei der Berichterstattung nicht auf rassistische Kommentare als Thumbnail-Clickbait setzen oder sie uneingeordnet reproduzieren.


4. Diskriminierungssensibler Sportjournalismus: Antirassismus will gelernt sein

Debatten über Diskriminierung im Sport folgen oft dem Schema einer Berichterstattung über ein Ereignis. Dabei handelt es sich selten um isolierte „Rassismusskandale“, sondern um Kontinuitäten, die mal offener und mal weniger offen sichtbar werden und auf die mediale Agenda rücken. 

Einen Racial Bias in den Livekommentaren haben Studien belegt. Lob in Bezug auf die Intelligenz und Arbeitsmoral entfiel zu 63 Prozent auf weiße Spieler, Kritik zu 63 Prozent auf Schwarze Spieler und Spieler of Colour. Die Daten stammen aus einer Analyse von über 2.000 Kommentaren in 80 Spielen. Es geht also nicht um Aufräumarbeit nach einem Eklat, sondern um langfristige Sensibilisierung und Weiterbildung in den Redaktionen.

„Sportjournalismus trägt Verantwortung. Wer über Wettbewerbe berichtet, berichtet auch über Menschen. Den Hass einzuordnen, der einigen entgegenschlägt, ist keine Nebensache, sondern Teil der journalistischen Aufgabe. Diskriminierungssensibler Journalismus und durchdachtes Community-Management gehören deshalb nicht nur zur WM, sondern in den Alltag jeder Sportredaktion.“

— Fazit des Monitorings

Die Tipps und Beispiele aus dem Monitoring unseres Projekts BetterPost als Kacheln auf Social Media

Post auf Instagram teilen Post auf LinkedIn teilen


Hast du bereits unseren Newsletter abonniert?

Verpasse nicht unsere Medienanalysen und Impulse für eine vielfältige Medienlandschaft. Einmal monatlich erhältst Du unsere kuratierte Auswahl an News und Wissen. 
Hier geht es zur Anmeldung 

Verwandte Beiträge