In sozialen Netzwerken wird die Einwanderungsgesellschaft vehement angegriffen. Weitverbreitet sind hier rassistische Erzählungen, die Einwanderung zur Bedrohung für Sicherheit, Sozialsystem, eine vermeintliche „deutsche Kultur“ und den Wohnungsmarkt machen und menschenfeindliche Einstellungen fördern. Im Kern der Bedrohungsszenarien steht der Wunsch nach einer homogenen Bevölkerung und einer geschlossenen Gesellschaft. Diese inszenierten Bedrohungsszenarios werden so zur realen Bedrohung für Menschen mit Einwanderungsgeschichte, Politiker*innen und Medienschaffende, die sich für eine diverse Einwanderungsgesellschaft stark machen und nicht zuletzt für unsere Einwanderungsgesellschaft selbst. Beispiele wie die Anschläge in Halle und Hanau zeigen, dass der Angriff auf die Migrationsgesellschaft nicht online bleibt, sondern in der analogen Welt in physische Angriffe auf Migrant*innen münden können.1
Die Medienberichterstattung hat über Jahrzehnte ein mehrheitlich negatives Bild über die Einwanderungsgesellschaft gezeichnet. So zeigen Studien, dass Personen mit Einwanderungsgeschichte bereits seit Jahren medial überwiegend als Bedrohung und/oder Belastung dargestellt werden. Das geschieht u. a. durch die Überbetonung einer vermeintlichen illegalen Einwanderung. Über Menschen mit Einwanderungsgeschichte wird besonders häufig in Zusammenhang mit Armut, Kriminalität und Unterstellungen, das Sozialsystem auszunutzen, berichtet.2
Hinzu kommt die mediale Debatte über eine vermeintliche fehlende Integration bestimmter migrantischer Gruppen, besonders Muslim*innen. Dieses Motiv der deutschen Berichterstattung fußt auf der Vorstellung von defizitären Migrant*innen mit Bringschuld gegenüber der Dominanzgesellschaft.3
Nachdem Medien dieses Bild von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den letzten Jahren geprägt haben, werden sie nun selbst zum Feindbild. Medien und Faktencheck-Redaktionen wird unterstellt, systematisch Informationen vorzuenthalten. Der Vorwurf: Medien würden u. a. über die vermeintlichen negativen Folgen von Migration nicht berichten. Stattdessen würde sich die Berichterstattung inhaltlich an den Regierungsparteien orientieren. Für ein realistisches Bild der Lage, so die Narrative, müssten alternative Medien konsumiert werden.
Politische Debatten in Deutschland drehen sich seit Jahrzehnten um die Steuer- und Kontrollierbarkeit von Einwanderung und vermitteln nicht zuletzt den Eindruck, Migration könne „außer Kontrolle geraten.“4 Ebenfalls verbreitet sind Kosten-Nutzen-Abwägungen in Migrationsdiskursen, die Generationen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf ihren potenziellen wirtschaftlichen Nutzen oder Schaden für den Wohlstand des Landes reduzieren.5
Falschinformationen säen Misstrauen
Laut dem repräsentativen Demokratiemonitoring 2023 der Universität Hohenheim unterstellt ein Fünftel der Bürger*innen in Deutschland den etablierten Medien, sie systematisch zu belügen. Das Monitoring zeigt auch, dass 50 % der Befragten Parteien und der Bundesregierung misstrauen.6 Auch die von uns analysierten Narrative säen Misstrauen gegenüber seriösen Informationsquellen und stellen den Wahrheitsgehalt der Medienberichterstattung infrage. Sie vermitteln auch das Bild, Regierungsparteien würden nicht im Sinne der Bevölkerung handeln, und raten somit indirekt von demokratischer Beteiligung ab.
Was Medienschaffende jetzt tun können
Narrative gegen die Einwanderungsgesellschaft sind nicht neu und kein reines Internet-Phänomen. Politische und mediale Diskurse sind schon lange von einem negativen Blick auf Migration geprägt.
Unsere demokratische Einwanderungsgesellschaft lässt sich nur mit faktenbasiertem Journalismus erhalten. Die Weiterverbreitung von Falschinformationsnarrativen können Medienschaffende verhindern, indem sie faktenbasiert aufklären und rassistische Falschinformationsnarrative erkennen, benennen, aktiv widerlegen und so langfristig das Vertrauen in den Journalismus aufrechterhalten.
Seriöse Journalist*innen streuen keine gezielten Falschinformationen, faktenbasiertes Arbeiten unterscheidet sie schließlich von Social Media Accounts. Sie können jedoch (auch unbewusst) zu einseitig negativen Framings und Dekontextualisierungen beitragen, wenn sie im Sinne des Clickbaitings Spaltung reproduzieren. Clickbaiting führt zwar zu mehr Reichweite, schadet aber unserer Demokratie und damit schlussendlich auch dem Glauben an Journalismus. Und damit Medienschaffenden selbst.
Guter Journalismus muss sich von Falschinformationsnarrativen abgrenzen, anstatt sie zu reproduzieren.