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Pressespiegel vom 10.10.2026

Sportjournalist

Katrin Freiburghaus im Gespräch mit Elena Kountidou über vielfältigen Journalismus. 

Elena Kountidou ist Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen. Das bundesweite Netzwerk setzt sich für einen vielfältigeren Journalismus ein und fördert mit Bildungsangeboten, Publikationen und Beratung diskriminierungssensible Medienarbeit.

sportjournalist: Frau Kountidou, können Sie entspannt eine deutsche Zeitung lesen, ohne dass Sie sich über mangelnde Diversität bei Themensetzung und -umsetzung ärgern müssen?
Elena Kountidou: Meistens ja, manchmal nein. Ich lese regelmäßig Texte von Journalist*innen, die ein Thema aus vielen Blickwinkeln beleuchten und Zusammenhänge erklären. In unseren Monitorings fällt mir aber immer wieder auf, dass im selben Medium ein besonders gutes und ein besonders schlechtes Beispiel stehen, manchmal in derselben Woche. Die Bandbreite innerhalb eines Hauses ist also riesig.

sj: Die Gesellschaft wird diverser, die Redaktionen hinken hinterher. Inwiefern ist das problematisch?
Kountidou: Heute haben rund 40 Prozent der jungen Menschen in Deutschland eine familiäre Einwanderungsgeschichte. Im Sport sieht man das jedes Wochenende: beim Kreisliga-Spiel oder bei der Aufstellung der Nationalmannschaft. In den Chefredaktionen sieht es ganz anders aus. Bei unserer Erhebung 2020 hatten gerade mal sechs Prozent der Chefredakteur*innen einen Migrationshintergrund, und viel getan hat sich seitdem nicht. Wer große Teile seines Publikums nicht mitdenkt, verliert es irgendwann. Gerade jetzt, wo Reichweiten sinken, die Konkurrenz wächst und KI die Branche umkrempelt, ist das fatal. Dabei steckt in dieser Krise auch eine Chance: Wer sich jetzt ohnehin neu aufstellen muss, kann Vielfalt gleich mitdenken. Für Medien ist das auch eine wirtschaftliche Überlebensfrage.

sj: Wie wichtig ist dafür personelle Repräsentation in den Redaktionen?
Kountidou: Sehr wichtig. Wer in der Redaktion sitzt, entscheidet mit, was berichtenswert ist, welche Fragen gestellt werden und wessen Stimme vorkommt. Eine Kollegin im Rollstuhl schaut anders auf die Barrierefreiheit im neuen Stadion als jemand, der die Treppen einfach hochläuft. Ein Kollege, der auch Türkisch oder Arabisch spricht, bekommt vielleicht das offenere Interview mit einem Spieler oder kennt die Leute im Sportverein um die Ecke. Vielfältige Teams haben andere Kontakte und finden andere Geschichten. Das ist ein großer Vorteil, auch im Wettbewerb um Publikum.

sj: Im Sport sieht man das sehr konkret.
Kountidou: Ja. Als Bastian Schweinsteiger bei der WM dem "afrikanischen Fußball" taktisches Können abgesprochen hat, hat in der Runde niemand widersprochen. Mit einer anderen Besetzung wäre das wahrscheinlich anders gelaufen. Vorbilder zählen auch. Junge Menschen vertrauen einem Medium eher, wenn sie dort Leute sehen, die ihnen ähnlich sind. Und sie trauen sich den Beruf eher selbst zu.

sj: Ihr Verein bietet online ein Glossar und Checklisten an. Was kann so ein Tool im Redaktionsalltag leisten?
Kountidou: Die Idee kam aus der Praxis. Kolleg*innen haben uns immer wieder gefragt: Welchen Begriff würdet ihr in der Berichterstattung über die Migrationsgesellschaft empfehlen? Das Glossar möchte Orientierung geben. Es erklärt, woher ein Begriff kommt, und schlägt Alternativen vor. Entscheiden müssen die Redaktionen selbst. Wir haben es mit Fachleuten und Praktiker*innen entwickelt und aktualisieren es regelmäßig, weil Sprache sich verändert und wir auch dazulernen. Unsere Checklisten behandeln unterschiedliche Themen und richten sich an Führungskräfte, zum Beispiel beim Recruiting oder bei der Frage, wie man perspektivenreicher berichtet.

sj: Sportjournalismus hält sich gern zugute, sprachlich ein bisschen unverkrampfter sein zu dürfen. Macht ihn das anfälliger für unreflektierte Sprache oder die Reproduktion von Stereotypen?
Kountidou: Ein Stück weit schon. Ein Livekommentar ist schnell und emotional, da greift man zu den Bildern, die man im Kopf hat. Eine Auswertung von rund 2000 Kommentaren aus 80 Fußballspielen der europäischen Topligen hat gezeigt: Lob für Intelligenz und Arbeitsmoral ging zu 63 Prozent an weiße Spieler, Kritik in diesen Punkten zu 63 Prozent an Schwarze Spieler und Spieler of Color. Bei Tempo und Kraft war es umgekehrt, da betrafen über 84 Prozent der lobenden Kommentare Spieler of Color. Das hören Millionen Menschen jedes Wochenende, und es prägt, wie sie Spieler wahrnehmen. Genau deshalb muss man sich dieses Muster kritisch anschauen. Unverkrampft finde ich gut. Unreflektiert nicht.

sj: Die Neuen deutschen Medienmacher*innen haben bei der WM-Berichterstattung einen Racial Bias kritisiert. Gab es darauf eine Reaktion der Sender?
Kountidou: Uns ist wichtig, dass Redaktionen unsere Stellungnahmen und Posts zum Anlass nehmen, ihre Berichterstattung kritisch zu überprüfen. Von einigen weiß ich, dass sie das getan haben. 

sj: Wie realistisch ist es, dass dieser Bias innerhalb einer Reporter*innen-Generation verschwindet? Oder ist das Ziel eher, Sensibilität zu schaffen, damit er nicht in die nächste Generation weitergetragen wird?
Kountidou: Von allein verschwindet er nicht, auch nicht mit einem Generationswechsel. Rassismus im Sport ist selten ein einmaliger Ausrutscher, sondern strukturell verankert. Realistisch ist, dass wir das Bewusstsein schärfen und strukturelle Änderungen vornehmen. Wir empfehlen Redaktionen deshalb, dauerhaft in Weiterbildung zu investieren. Gute Workshops helfen, die eigenen Schubladen im Kopf zu erkennen und sich in Menschen hineinzuversetzen, die Diskriminierung erleben. Einmal reicht aber nicht. Das ist ein Prozess, an dem man dranbleiben muss, so wie beim Training.

sj: Wie kann es gelingen, aus einer oft moralisch geführten Diskussion über Alltagsrassismus eine Diskussion über fehlendes Wissen zu machen?
Kountidou: In unseren Workshops arbeiten wir viel mit konkreten Beispielen und Zahlen. Es geht um journalistisches Handwerk: Welches Wort ist präzise? Warum steht bei Jonathan Tah die Herkunft im Text und bei Joshua Kimmich nicht? Beide sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Solche Fragen gehören zu gutem Journalismus. In Steuerrecht oder Taktikanalyse muss man sich ja auch reindenken. Mit Diskriminierungssensibilität ist es genauso. Man kann sie sich erarbeiten.

sj: Wo sehen Sie mehrheitlich weiße männliche Redaktionen auf dem Weg zu mehr Eigeninitiative?
Kountidou: Es tut sich was, aber langsam. Wenn ich in Medienhäusern nach der Diversitätsstrategie frage, höre ich oft: Wir haben eine Arbeitsgruppe. Fragt man nach, gibt es dafür kaum Geld, kaum Zeit und kein klares Ziel. Vielfalt läuft dann als Nebenprojekt, losgelöst von den großen Zukunftsfragen des Hauses. Gleichzeitig erzählen mir Kolleg*innen mit Einwanderungsgeschichte, wie sie ausgebremst oder bei Hasskampagnen von ihren Vorgesetzten allein gelassen werden. Die Arbeit bleibt oft an denen hängen, die selbst betroffen sind. Das ist auf Dauer zermürbend. Wirklich bewegen wird sich etwas erst, wenn Führungskräfte das Thema zu ihrer Sache machen, Ziele setzen und regelmäßig prüfen, was sich verändert hat.

sj: Ist für Sie ein Umdenken in den Medienhäusern erkennbar, das über Absichtsbekundungen hinausgeht? Wo sehen Sie aktuell den größten Nachholbedarf?
Kountidou: Das Bewusstsein ist heute ein anderes als vor 18 Jahren, als wir uns gegründet haben. Diskriminierende Strukturen werden klarer benannt, und vor der Kamera sieht man viel mehr personelle Vielfalt. Hinter den Kulissen passiert noch zu wenig. Spitzenpositionen werden weiter nach dem Prinzip der Ähnlichkeit besetzt: Man holt sich Leute, die so sind wie man selbst. Am Ende steht jedes Medienhaus vor derselben Frage: Investieren wir jetzt in Strukturen, die mit der Gesellschaft Schritt halten, oder warten wir, bis wir den Anschluss verloren haben? Wer Vielfalt weiter nebenbei behandelt, verliert Vertrauen, Publikum und irgendwann seine Relevanz.

Zum Interview

Pressekontakt

presse@neuemedienmacher.de  
Tel.: +49 155 6745 2152

Die Neuen deutschen Medienmacher*innen sind ein ehrenamtlicher Verein, der sich für mehr Vielfalt im Journalismus stark macht. Als größte bundesweite NGO von Journalist*innen setzen wir uns für diskriminierungskritische Berichterstattung, divers besetzte Redaktionen und gegen Hass im Netz ein. Mehr Infos unter: neuemedienmacher.de

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