© David Diwiak
NDR-Reporter und NdM-Mitglied Manuel Biallas kennt den deutschen Aufstiegstraum von beiden Seiten. In seiner Dokumentation begibt er sich auf eine Spurensuche: Wer schafft es in Deutschland tatsächlich von unten nach oben? Persönliche Erfolgsgeschichten treffen dabei auf eine unbequeme Realität. Zur NDR-Doku
Welche Begegnung während der Dreharbeiten hat Dich am meisten überrascht oder berührt?
Biallas: Von Bärbel Bas über Philipp Amthor und Walter Riester können sich noch alle sehr gut an ihren sogenannten sozialen Aufstieg erinnern, das vergisst niemand. Spannend wird es dann, wenn ich sie frage, ob ihre eigene Biografie mit ihrer aktuellen Politik zusammen passt. In einem der reichsten Länder der Welt leben über 1 Million Kinder depriviert, also sind von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen, haben oft kein zweites Paar Schuhe oder wissen nicht, wo sie ihre nächste warme Mahlzeit herbekommen sollen.
Was sollen die Zuschauer*innen nach 45 Minuten mitnehmen? Hoffnung, Wut oder beides?
Biallas: Je nach Quelle war vor wenigen Jahren noch jedes 6. Kind armutsbetroffen, dann jedes 5., mittlerweile ist es jedes 4. Kind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das niemanden wütend macht. Hoffnung stiften die Menschen, die im Kleinen ganz konkret etwas daran ändern wollen: Der Unternehmer, der mit seinem Verein Ausflüge für Kinder unternimmt, die Sozialaktivistin, die Kindern unkompliziert einen Schulbonus für eine eigene Schultüte auszahlt, die Schulleiterin, die Kindern Selbstermächtigung mit auf den Weg gibt. Häufig Menschen, die selbst erfahren haben, dass eben jede kleine Entlastung spürbar einen Unterschied macht. Meine Intention ist es, niemanden Emotionen aufzwingen zu wollen. Menschen berührt eine Geschichte oder eben nicht. Ehrlich ist aber auch, dass die Chancengleichheit weiterhin abnimmt.
NDR
Wo siehst du Leerstellen im deutschen Journalismus, wenn es um soziale Herkunft und Chancenungleichheit geht?
Biallas: Es ist nicht bahnbrechend, wenn ich sage, dass Journalismus ein eher elitäres Feld ist, in dem bestimmte soziale Milieus häufiger vertreten sind, als andere. Das kann dann tatsächlich zur Leerstelle werden, wenn Themen fehlen, wenn es zum Beispiel an Zugängen zu Bürgergeldempfängern fehlt, nicht aber zu denen, die laut “Totalverweigerer“ rufen. Soziale Herkunft gilt bisher nicht überall als Diskriminierungsmerkmal: Es fängt also dabei an, wer mit wem essen geht, wer auf bezahlten Panels spricht und welche Entscheiderpositionen mit welchen Biografien besetzt werden. Das ist aber vielfach kritisiert. Ich bekomme sehr häufig Zuschauer-Post von Menschen, die sich bei mir für meine Arbeit bedanken. Es gibt also einen riesigen Bedarf für diese Themen.
Reproduzieren Medien unbewusst das Bild, dass Aufstieg immer möglich ist, wer hart genug arbeitet?
Biallas: Meritokratie, also die Geschichte, dass wenn wir uns wirklich hart anstrengen, damit wir es schaffen können, steckt in jeder Facette unseres Lebens. Wir wachsen mit dieser Erzählung auf, sie steckt in Kinderbüchern, in Popkultur, im Feuilleton – klar konsumieren wir das auch über Medien, denn das Konzept ist nunmal fest in unseren Köpfen verankert. Shows wie die Höhle der Löwen, bei der Menschen mit den mutmaßlich besten Ideen gegeneinander antreten, um aufzusteigen, entstehen nicht im luftleeren Raum. Auch Sendungen, die Armut portraitieren, denken sich Personen aus, häufig eben mit einer gelernten Perspektive. Es ist also auf der einen Seite bewusst und gleichzeitig sehr unbewusst: Wir schauen natürlich gerne Geschichten vom sozialen Aufstieg, weil sie die Übertreibung sind und weil sie uns darin bestätigen, dass unser System eben gut funktioniert wie es ist. Wenn ich erstmal verstanden habe, wo diese „Lüge vom sozialen Aufstieg“ eigentlich überall drin steckt, schaue ich Filme, Serien oder Dokus nochmal mit einem ganz anderen Blick.
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