Superwahljahr: Für wen schreiben wir?

07Feb2017

Superwahljahr: Für wen schreiben wir?

Podiumsdiskussion “Rassismus in Deutschland” am 19. Januar in München

Isabella Bakirman-Goethe (ISD München), Thomas Bentele (Stellv. Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Bayern), Vanessa Vu (Neue deutsche Medienmacher), Dr. André Grahle (Lehrstuhl für Praktische Philosophie und Ethik, LMU), Foto: Amnesty International

 

Jeden Tag erleben Menschen in Deutschland wegen ihrer äußeren Erscheinung rassistische Gewalt, dabei reicht die Palette von Einschüchterungen bis hin zu Brandanschlägen. Für Amnesty International ist jede rassistische Tat ein Angriff auf die Menschenrechte.

Im Juni 2016 veröffentlichte die Organisation deswegen eine Bestandaufnahme. Im 84-seitigen Bericht “Leben in Unsicherheit” prangert Amnesty insbesondere die Behörden an, die Opfern rassistischer Gewalt im Stich zu lassen. Die Polizei müsse mehr im Hinblick auf Einstufung und Untersuchung rassistischer Straftaten sensibilisiert werden, und die Bundes- und Länderbehörden hätten es versäumt, eine Risikoanalyse zu entwickeln, um festzustellen, welche Unterkünfte am stärksten gefährdet sind. Schließlich fehle es an Polizeischutz für Flüchtlingsunterkünfte.

Dabei fangen rassistische Angriffe nicht erst auf der Straße an und sie beschränken sich nicht auf Flüchtlinge. Auch Menschen, die seit vielen Generationen hier leben, sind vom Anstieg der rassistischen Angriffe betroffen, berichtete Isabella Bakirman-Goethe von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) auf einer von Amnesty organisierten Podiumsdiskussion zum Thema “Rassismus in Deutschland”.

André Grahle, Philosophiedozent an der LMU-München, erklärte außerdem institutionellen Rassismus: “Hier geht es nicht nur darum, dass der einzelne Mensch rassistisch handelt. Es geht darum, dass Institutionen, also ein Kollektiv an Menschen, Rassismus zulässt.”

Außerdem würden Medien das Bild des gefährlichen Einwanderers füttern, sagte NdM-Mitglied Vanessa Vu. Das zeigen ihre Medienanalysen für siekommen.org und das ZDF. Damit seien Journalisten nicht Schuld, aber mitverantwortlich für gewisse Feindbilder.

Eine Möglichkeit, um das zu ändern, wären mehr Journalist*innen mit Rassismuserfahrung. Unabhängig von der personellen Zusammensetzung müsse aber Vielfalt mitgedacht werden, gerade im Superwahljahr 2017. “Der durchschnittliche Journalist ist rein statistisch betrachtet weiß, männlich, Mitte Vierzig, und kommt aus einem Akademikerhaushalt. Natürlich interessiert er sich für andere Themen – aber auch für andere Menschen”, glaubt Vanessa Vu. “Ich würde mir wünschen, dass mehr Journalisten, gerade in politisch aufgeladenen Zeiten, sich darauf besinnen, in wessen Interesse sie eigentlich schreiben.”

Ebenfalls zur Podiumsdiskussion eingeladen war der stellvertretende Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Bayern, Thomas Bentele. Während er in seinem Dienst keinen Sensibilisierungsbedarf für rassistisch motivierte Straftaten und keinen Reformbedarf für deren Erfassung sieht, nahm er die Anregungen aus dem Publikum und dem Podium interessiert an. In der Praxis, sagte er, gebe es viele Faktoren, die erklären, warum Einsatzkräfte handeln, wie sie handeln. Zum Beispiel gebe es gerade für jüngere Polizist*innen einen großen Druck, ständig Ergebnisse zu liefern. Außerdem würden Personalmangel und mangelnde länderübergreifende Koordination die Arbeit erschweren. Eins stellte er jedoch klar: “In Bayern gibt es den Begriff Nafri nicht.”

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