Neue deutsche Organisationen

Die Neuen Deutschen kommen!

„Deutschland neu denken“

Es gibt immer mehr Initiativen in Deutschland, die klarstellen wollen, dass Deutschsein mehr ist, als deutsche Vorfahren zu haben. Vor allem nach der „Sarrazin-Debatte“ von 2010 haben sich zahlreiche Initiativen von Menschen gegründet, die sich nicht mehr als Migranten bezeichnen lassen wollen. Sie heißen Neue deutsche Medienmacher, Buntesrepublik, Schülerpaten, Deutscher Soldat, usw. Ihre Botschaft: „Wir gehören dazu und wollen mitreden.“ Zahlreiche „klassische“ Migrantenorganisationen definieren ihre Ansprüch inzwischen ebenfalls neu und verstehen sich eher als Neue Deutsche, denn als Einwanderer.

Die „Neuen Deutschen Organisationen“ (NDO) knüpfen an die jahrzehntelange Arbeit von Migrantenselbstorganisationen und Ausländerbeiräten an, doch sie unterscheiden sich in folgenden Punkten:

1. Sie betonen ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft bereits im Namen.
2. Sie definieren sich nicht mehr ethnisch.
3. Sie wollen nicht mehr über „Integrationsmaßnahmen“ reden, sondern über gleiche Rechte und Chancen.
4. Sie wollen in den Debatten über das Einwanderunsland Deutschland als „Aufnahmegesellschaft“ verstanden werden, nicht als Einwanderer. Sie sind Teil der Lösung.

Geschichte:
Anfang 2015, in der Hochphase der „Pegida“-Debatte, organisierten die „Neuen deutschen Medienmacher“ den 1. Bundeskongress der NDO. Rund 80 Organisationen aus ganz Deutschland kamen zusammen, um sich kennenlernen und erste Ideen auszutauschen. Darunter waren z. B. Bildungsiniativen, interreligöse Gruppen, Studentenvereine und Queer-Gruppen. Die Ergebnisse haben wir in einem Thesen-Papier festgehalten.

In der Zwischenzeit wurde eine Koordinierungsstelle in Berlin eingerichtet. Sie bildet eine Plattform für die bundesweite Interessensvertretung und verschafft den einzelnen NDOs mehr Sichtbarkeit.

Ausblick: Die NDO planen derzeit Veranstaltungen in NRW, Hessen und Niedersachsen, um vor Ort in aktiver werden und sich stärker in Debatten einzumischen.

2. NDO-Bundeskongress: „Auch wir sind besorgte Bürger“

Neue Deutsche entwickeln Ideen für das Deutschland im 21. Jahrhundert

„Deutschland, wir müssen reden!“: Unter diesem Motto trafen sich am 26. und 27. Februar über 100 Organisationen aus ganz Deutschland, die von Menschen aus Einwandererfamilien gegründet wurden. Die Konferenz war stark geprägt von den aktuellen Debatten: „Auch wir sind das Volk, auch wir sind besorgte Bürger – allerdings anders, als die Pegida-Anhänger“, erklärt etwa Sheila Mysorekar vom Verein Neue deutsche Medienmacher. Und sie ergänzt: „Unsere Ängste sind nicht diffus, sie beruhen auf konkreten Entwicklungen.“ So habe beispielsweise die „Chronik flüchtlingsfeindlicher Übergriffe“ seit Anfang 2015 mehr als zehn Brandanschläge pro Monat auf Unterkünfte gezählt.

Mit Blick auf die Asyldebatte sei den Teilnehmenden wichtig: „Wir sind keine Migranten, wir sind Teil der Aufnahmegesellschaft.“ In deutschen Großstädten stammen bereits heute über 50 Prozent der Schulkinder aus Einwandererfamilien. „Eine Integrationspolitik für Migranten ist von gestern“, erklärt Breschkai Ferhad, Koordinatorin der „Neuen Deutschen Organisationen“ (NDO). „Wir brauchen eine Gesellschaftspolitik, die alle in den Blick nimmt.“

Die Neuen Deutschen Organisationen haben konkrete Forderungen erarbeitet, an deren inhaltlicher Umsetzung sie weiterarbeiten wollen. Diese sind unter anderem:

  • Gesellschaftliche Vielfalt muss in der Berufsausbildung und Schulbildung konsequenter Bestandteil werden. Wir brauchen dafür neue Standards, Diversity-Education muss z. B. ein Pflichtfach in der Ausbildung für Lehrkräfte werden.
  • Wir brauchen Daten, die sichtbar machen, wann und wie oft Benachteiligungen und Chancenungleichheiten stattfinden. Denn der Schutz vor Rassismus ist ein Menschenrecht. Dennoch wissen wir kaum etwas darüber, wie viele Menschen Diskriminierung erleben.
  • Wir müssen darüber nachdenken, das Grundgesetz zu ändern und um ein neues Staatsziel zu ergänzen, das z. B. so lauten könnte: „Deutschland ist ein vielfältiges Einwanderungsland. Es fördert die gleichberechtigte Teilhabe und Integration.“ Bislang fehlt ein solches Bekenntnis in der Verfassung.
  • Wir brauchen ein Ministerium für Gesellschaftspolitik, das alle Maßnahmen bündelt: die für Chancengleichheit und gegen Rassismus ebenso wie Integrationsprogramme für Neuzuwanderer und die deutsche Asylpolitik.

STATEMENTS der Teilnehmenden:

Kwesi Aikins von der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ erklärt: „Vieles in den letzten Wochen und Monate erinnert uns an die Situation in den 90er Jahren. Wir erleben aber auch die Erfolge Schwarzer und antirassistischer Arbeit: Es gibt immer mehr Klagen von Menschen, die von rassistischen Kontrollen betroffen sind und sich dagegen wehren.

Kübra Gümüsay, Netz-Aktivistin und Initiatorin der Kampagne #schauhin, erklärt: „Die derzeitigen Debatten bereiten uns große Sorgen: Bei Köln war Schockstarre, es schienen die schlimmsten Bilder und Stereotype über Flüchtlinge und Muslime bewiesen zu sein. Wir haben aber ein Recht darauf, dass diese Themen ruhig und besonnen diskutiert werden und der Ton nicht von rechts diktiert wird. Es ist Zeit, dass wir, die wir für die deutsche Gesellschaft im 21. Jahrhundert stehen, bei diesen Debatten stärker mitreden.“

Nari Reinke vom Verein Deutscher Soldat und Tochter marokkanischer Einwanderer weist auf den Umgang der Bundeswehr mit Vielfalt hin: Dass muslimische Seelsorger erst ab 1.400 muslimischen Soldaten vorgesehen sind, erscheint ihr nicht zeitgemäß. „Die Neuen Deutschen sind auf dem Vormarsch, um mal militärisch zu sprechen“.

Mehr Informationen finden sich auf der neuen Webseite der Neuen Deutschen Organisationen.

Die NEUEN DEUTSCHEN ORGANISATIONEN – wer sie sind, was sie wollen