Wenn der Schnellkochtopf zischt: Der NdM-Salon zu “Journalismus und Trauma”

16Okt2016

Wenn der Schnellkochtopf zischt: Der NdM-Salon zu “Journalismus und Trauma”

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Wohl kaum eine Situation kann uns Medienschaffende so überfordern wie die Konfrontation mit traumatischen Ereignissen. Schnell stehen wir dann vor Fragen wie: Wie kann ich angemessen über Gewalt und Tragödien berichten? Wie gehe ich mit traumatisierten Interviewpartner*innen um? Und was macht unsere Berichterstattung eigentlich mit diesen? So wichtig Antworten auf diese Fragen sind, so wenig Zeit bleibt im redaktionellen Alltag allerdings leider oft, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Umso größer war das Interesse an unserem Berliner NdM-Salon “Journalismus und Trauma”, zu dem wir am 12. Oktober als Gäste von renk in die Blogfabrik luden.

Als Expert*innen standen uns der Trauma-Experte und Diplom-Psychologe Oliver Schubbe sowie die Journalistin Jeanny Gering vom Dart Center Europe Rede und Antwort – der Abend bildete den Auftakt für eine Veranstaltungsreihe im Kooperation mit dem Dart Center.

Sorgsam mit Begriffen umgehen

250_schubbeWie Oliver Schubbe gleich zu Beginn betonte, entwickelten nicht alle Menschen, die ein traumatisches Ereignis erlebten, auch ein Trauma: Gerade mal ein Drittel habe danach mit entsprechenden psychischen Folgen zu kämpfen. Habe man etwas sehr Extremes erlebt, so gebe es oftmals auch ein extremes Ausdrucksbedürfnis – für das unsere Gesellschaft allerdings kaum Räume biete, erklärte Schubbe: “Weder in der Familie noch im Beruf oder im Freundeskreis sind genügen Räume vorhanden, ein Trauma emotional auszudrücken.” Die Symptomatik entstehe dabei dadurch, dass Betroffene die gesamte emotionale Energie wie in einem Schnellkochtopf unter Verschluss hielten. “Wenn dann doch jemand nachfragt, kann es zischen”, so Schubbe.

Eine gute Berichterstattung rücke die individuelle Geschichte der Betroffenen in den Vordergrund – und gehe dabei sorgsam mit den Begriffen um. So empfinde etwa nicht jede*r die Bezeichnung als “Opfer” als passend. “Ein Opfer ist die Person nur in der traumatisierenden Situation”, sagte Schubbe. “Daher sollte man sie auch nicht auf diese Rolle festlegen.”

In einem guten Interview könnten nach einiger Zeit so genannte “Coping”-Fragen gestellt werden: “Wie haben Sie die Situation bewältigt?” oder “Wie schaffen Sie es jetzt, ein Interview zu geben?”, seien gute Beispiele dafür. Zudem sei es enorm wichtig, sich an mit den Interviewten getroffene Absprachen zu halten. Dazu gehörten etwa vereinbarte Freigabe-Prozesse. “Hält man sich nicht an diese Absprachen, könnten die Menschen erneut einen Kontrollverlust erleben”, unterstrich Schubbe. In dem Fall könne eine Re-Traumatisierung drohen.

“Cowboy-Mentalität” schützt nicht

250_symbolDoch das Thema Trauma sei auch für die Medienschaffenden selbst relevant. Gerade unter
jenen, die regelmäßig aus Kriegs- oder Krisengebieten berichteten, gebe es immer wieder welche mit einer “Cowboy-Mentalität”, wie es Schubbe nannte: “Eben jene brechen aber auch schnell weg.” Gut geschützt seien hingegen Reporter*innen, die einen guten Kontakt zu ihren eigenen Emotionen hätten und erkennen würden, wenn bei ihnen eine Grenze erreicht sei.

Wichtig sei zudem Distanz – sowohl für die Berichtenden als auch für die Betroffenen der Berichterstattung: Indem wir über sie berichteten, befähigten wir sie durch unsere Perspektive auch zur Distanz.

Schubbe mahnte zudem zur Geduld: Manchmal sei es für alle Beteiligten sinnvoller, zwei Jahre mit einer Geschichte zu warten. Grundsätzlich biete es sich an, direkt nach einem traumatischen Ereignis zunächst Expert*innen zu befragen – Betroffenen und Angehörigen sollte hingegen etwas Abstand gelassen werden.

Abgrenzung ohne Ablehnung

Für den Umgang mit traumatisierten Interviewpartner*innen empfahl Oliver Schubbe folgende Check-Liste:

  1. Klärung: Ist die Person wirklich bereit für die Öffentlichkeit?
  2. Keine zu großen Hoffnungen/Versprechungen machen
  3. Mehrere kürzere Einzelinterviews statt eines langen Gesprächs
  4. Die Geschichte positiv enden lassen

250_jeannyGerade der letzte Punkt sei wichtig, denn es gebe bei jeder extrem belastenden Situation für die Betroffenen die Notwendigkeit, etwas Positives zu finden.

Außerdem wies der Trauma-Experte darauf hin, dass ein Interview nicht dadurch besser werde, jede Gräueltat im Einzelnen darzustellen. Vielmehr drohe man so, Leser*innen zu überfordern. Fühle man sich selbst im Gespräch überfordert, könne man seinem Gegenüber die eigenen Grenzen deutlich machen – ohne ihn oder sie aber als Person abzulehnen.

Jeanny Gering ergänzte, dass eine gute Vorbereitung äußerst wichtig sei. Zudem solle man mitdenken, was unsere Berichte mit den Betroffenen nach einer Veröffentlichung machten. Dem stimmte Oliver Schubbe zu: “Die Menschen, die bei mir in die Praxis kommen, beklagen oft, dass sie keine Kontrolle mehr über das journalistische Ergebnis hatten.”

 

 

Großes Thema, kleine Minderheit

Insgesamt lobte Schubbe das Interesse der anwesenden Journalist*innen: Leider sei es eine kleine Minderheit, die sich Gedanken zum Thema Trauma mache. “Dabei ist die Beschäftigung damit eine lebenslange Aufgabe.” Gering fügte hinzu, dass Journalismus hier ein Problem angehen könnte, dass der Diplom-Psychologe eingangs geschildert hatte: “Journalismus kann einen Raum in der Gesellschaft schaffen, um ein Trauma emotional auszuleben.”

Weitere Tipps und Hilfestellungen für den Umgang mit Interviewpartner*innen, die traumatische Erlebnisse hatten, gibt es auf http://dartcenter.org.

Unsere Expert*innen:

Oliver Schubbe
, Dipl.-Psych., geb. 1962, Psychologischer Psychotherapeut, Verhaltenstherapeut, bei Virginia Satir ausgebildeter Familientherapeut, erlernte EMDR bei Francine Shapiro, war Gründungsvorstand von EMDRIA Deutschland e.V. und der Gesellschaft für Psychotraumatologie, Traumatherapie und Gewaltforschung (GPTG). Seit 1990 leitet er das Institut für Traumatherapie, dessen Team von Traumaexpert*innen über 5.000 Psychotherapeut*innen in Deutschland, Österreich, der Türkei, Griechenland und Lettland zum Abschluss der Curricula „Traumatherapie mit EMDR“ bzw. „Spezielle Psychotraumatherapie“geführt hat.

Jeanny Gering studierte Politikwissenschaften an der School of Oriental and African Studies in London. Sie lebt als freie Journalistin in Berlin und arbeitet hauptsächlich als Producer und Reporter für ausländische Radio- und TV- Sender wie die BBC, CBS, AJ+ und NPR. Seit fünf Jahren unterstützt sie das Dart Centre for Journalism and Trauma Europe als Länderkontakt in Deutschland und Programm Assistenz für Europa.

Fotos: Robert Lanzke

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