Statement von NdM-Vorstand Ferda Ataman bei der Pressekonferenz des Integrationsgipfels (13. Juni 2018)

14Jun2018

Statement von NdM-Vorstand Ferda Ataman bei der Pressekonferenz des Integrationsgipfels (13. Juni 2018)

 

Die Rede von Ferda Ataman auf der Pressekonferenz zum Integrationsgipfel:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Ferda Ataman, ich bin Sprecherin der „neuen deutschen organisationen“. Wir sind ein bundesweites Netzwerk von rund 100 Initiativen. Wir engagieren uns für ein weltoffenes Deutschland, für ein gerechtes Bildungssystem und gegen Rassismus. Wir sind die Bindestrich-Deutschen, die mit dem Migrationsextra in der Statistik. Unsere Eltern kamen als Arbeitsmigranten oder Flüchtlinge, manche kamen aber auch schon vor X Generationen, wie zum Beispiel bei vielen Sinti und Roma oder Afrodeutschen. Wir nennen uns ganz bewusst „neue deutsche organisationen“, weil wir von hier sind.

Wir haben beim Gipfel heute über die Themen Heimat, Werte und Zusammenhalt gesprochen. Dazu würde ich Ihnen gern kurz ein paar Anmerkungen machen:

1.
Wir reden zurzeit viel über Migration und Integration und meinen damit immer nur eine kleine Gruppe von Menschen, die in den letzten Jahren als Flüchtlinge kamen. Doch das Thema Migration betrifft nicht nur eine Randgruppe in Deutschland. Es betrifft sehr sehr viele Menschen: Jedes dritte Kind lebt in einer Einwandererfamilie – und das ist noch konservativ gezählt.

Unser Land ist – und war es schon immer – von Migration geprägt. Die deutsche Gesellschaft ist eine Einwanderungsgesellschaft. Deswegen begegnet einem die Vielfalt überall, sogar in der Schlange beim Bäcker. Für alle, die es noch einmal zum Mitschreiben brauchen:

Man kann neuzugewanderte Flüchtlinge nicht am Aussehen erkennen. Genauso wenig, wie Deutsche. Eine Einteilung in Migranten und weiße Deutsche funktioniert nicht mehr. Worauf ich hinaus will: Wenn jetzt vor „Überfremdungsängsten“ in der deutschen Bevölkerung gewarnt wird, dann grenzt das sehr viele Menschen im Land aus, die Deutschland als ihre Heimat verstehen.

Was wir deswegen brauchen, ist ein klares Bekenntnis dazu, dass Vielfalt eine Tatsache ist – und vor allem: nicht  politisch  verhandelbar. Das Bekenntnis könnte im Grundgesetz stehen, in anderen Gesetzen, egal wo. Aber wir brauchen es schwarz auf weiß.

2.
Die Werte-Debatte, wie wir sie derzeit führen, bereitet uns gerade große Bauchschmerzen. Denn wenn gesagt wird, dass Flüchtlinge Werte-Kurse besuchen müssen – dann unterstellt das, Migranten hätten per se nicht die richtigen Werte. Oder es wird darauf gepocht, dass Muslime sich an die Verfassung halten sollen – als würde die große Mehrheit das nicht längst und gerne tun. Oder es wird verlangt, dass Migranten die deutsche Sprache lernen, obwohl die meisten längst Kommentare in Zeitungen schreiben könnten.

Fürs Protokoll: Einwanderer lernen Deutsch, halten sich an die Gesetze und brauchen nicht pauschal Nachhilfe in Wertekunde. Für einzelne mag das gelten. Aber so zu tun, als hinge die Zukunft unseres Landes an diesen Themen, ist Quatsch. Nicht nur die Werte-Debatte, auch das „exklusive Wir“ in der Sprache macht uns Sorge: Wenn Politikerinnen und Politiker heute von Heimat sprechen, wenn sie „unser Land“, „unsere Werte“ und „unsere Kultur“ sagen, tun sie das leider oft in einem Rahmen, der UNS ausgrenzt.

Wir erleben gerade eine massive Diskursverschiebung, die konkrete Folgen für Migrantinnen deren Nachkommen hat.

  • Frauen berichten davon, dass ihnen das Kopftuch abgerissen wird,
  • Männer davon, dass sie noch öfter als früher an Hauptbahnhöfen ohne Anlass kontrolliert werden.
  • Unsere Postfächer quellen über vor hasserfüllten Beschimpfungen,
  • unsere Bürotüren oder Gebetshäuser werden beschmiert,
  • einige von uns erhalten Morddrohungen.

Kurz: Wir fühlen uns nicht mehr sicher in unserem Land.

Wenn die Politik die Ängste und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen will, dann soll sie das bitte tun. Von allen Bürgern. Die verständnisvollen Debatten darüber, ob sich Deutsche inzwischen „fremd im eigenen Land“ fühlen, gießen Öl in dieses Feuer. Eine Heimatpolitik als Antwort auf Überfremdungsängste wäre fatal. Sollte es so kommen, wird das unser Land weiter spalten.

Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren. Und also auch bestimmte Vorrechte haben. Dass nur Deutsch wäre, wer von Deutschen abstammt. Das hatten wir eigentlich schon überwunden.

3.
Die Diskussion um Heimat ist auch eine Chance. Was wir jetzt brauchen, sind selbstbewusste Politikerinnen und Politiker, die im aktuellen Diskurs klarstellen,

  • dass Deutschland die Heimat der Vielen ist. Nicht der Völkischen.
  • Dass wir, die Migranten und deren Nachkommen, dazugehören.
  • Dass das auch unsere Heimat ist.

Die Heimatdebatte bietet die Chance, an einem positiven Selbstbild zu arbeiten:

  • Zum Beispiel Deutschland als Heimat der Erinnerungskultur zu sehen. Weil wir uns wie kein anderes Land Stark machen gegen Antisemitismus und andere Formen der Menschenverachtung.
  • Deutschland als Heimat der Weltoffenheit. Weil wir seit Jahrhunderten Erfahrung mit ein Ein- und Auswanderungsland haben. Wir wissen wie es geht.
  • Deutschland als Heimat der Religionsfreiheit! Weil wir Regeln haben, die es Menschen erlauben, sich mit ihrer Religion und Weltanschauung frei zu entfalten.

Das ist eine Heimat, in der wir alle zuhause sind.

Wir Menschen mit transnationalen Erfahrungen könnten dabei der Schlüssel sein. Wir könnten eine Brücke zwischen den Alten und den Neuen bilden. Man muss nur mit uns reden, und uns einbeziehen. So, wie es beim Nationalen Integrationsgipfel seit zehn Jahren passiert.

In diesem Sinn begrüßen wir alle den Start eines “Masterplans Integration“, den das Kanzleramt heute angekündigt hat und der uns hoffentlich wieder zu Diskussionen über Teilhabe bringt und weg von den Ausgrenzungsthemen.

Vielen Dank.

 

 

 

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