Fallstricke bei der Berichterstattung über Hanau

25Feb2020

Fallstricke bei der Berichterstattung über Hanau

STELLUNGNAHME vom 25. Februar 2020

In der Berichterstattung nach dem rechtsextremen Anschlag in Haunau wird die Tat oft als rassistisch motiviert bezeichnet. Das ist korrekt, denn wer von einem ausländerfeindlichem Motiv oder von Fremdenfeindlichkeit spricht, übernimmt die Sicht des Täters – der Menschen aus Einwandererfamilien nicht als zugehörig betrachtet. Das Bewusstsein, dass die meisten People of Color[1] in Deutschland Einheimische sind und keine Fremden, kommt langsam in vielen Redaktionen an.

Dennoch wird medial oft die Erzählung fortgeschrieben, dass ein Deutscher (einer von „uns“) Migranten getötet hat (einige von „denen”). Unsere Perspektive dagegen ist: Hier hat ein weißer Deutscher zehn Hanauer*innen getötet (viele von ihnen sind ohnehin nie migriert), weil er eine völkisch-rassistische Weltsicht vertritt. 

Mehr Betroffene, mehr Expert*innen of Color

Positiv vermerken wir, dass in vielen Berichten die Opfer und ihre Geschichten im Vorder-grund stehen. Erfreulich ist auch: Es kommen viele Stimmen of Color in Gastkommentaren und Interviews zu Wort. Allerdings empfehlen die NdM neben den beeindruckenden Einzelstimmen auch Interviews mit Gruppen und Organisationen zu führen, wie etwa dem NSU-Tribunal, die sich seit Jahren mit rassistischer Gewalt gegen PoC beschäftigen.

Dasselbe gilt für die politischen Talkshows. Es war gut, dass in den Tagen nach dem Atten-tat in jeder Talkshow ein*e Person of Color saß, trotzdem hätten wir gern unterschiedliche Stimmen gehört – Betroffene, wie auch Aktivist*innen und Expert*innen of Color.

Hasskriminalität passiert nicht in Isolation

Manche Medien jedoch haben – leider erwartbar – unangemessen berichtet. So hat die Berichterstattung über Hanau oft den Täter im Fokus, inklusive Namen, Fotos, teilweise wurde sogar sein rassistisches Video-Manifest weiter verbreitet. Dabei ist aus der Medienforschung bekannt, dass das zur Nachahmung anspornt. In einigen Berichten ist zudem von einem psychisch kranken Einzeltäter die Rede, dadurch wird rechtsextremer Terror relativiert und Rassismus pathologisiert.

Journalismus kann eine schiefe Wahrnehmung und rassistische Stimmungen verstärken, indem er Berichten über Rechtsextremismus nicht genug Platz einräumt, aber arabisch- und türkeistämmige Männer kriminalisiert oder reißerisch über Clan-Kriminalität und Razzien in Shisha-Bars berichtet. Medien prägen unsere Realität und Journalist*innen sollten sich der Tragweite ihrer Arbeit bewusst sein.

Neue deutsche Medienmacher*innen, der Vorstand

[1] People of Color ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch oder westlich wahrgenommen werden. Dabei wird jedoch keine Hautfarbe beschrieben, sondern eine gesellschaftliche Zugehörigkeit.


Stellungnahme zum Download (PDF)

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