WZB-Studie: „Das Bild vom Migranten als sexuelle Gefahr“

17Mrz2016

WZB-Studie: „Das Bild vom Migranten als sexuelle Gefahr“

Wer Männer für das starke und Frauen für das zu beschützende Geschlecht hält, ist besonders empfänglich für rechte Propaganda über angeblich „sexuell bedrohliche Fremde“: Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB).

Cover der WZB-MitteilungenDie Werte und vor allem das Frauenbild muslimischer Migranten passen nicht zur liberalen Kultur Deutschlands: Das ist die beliebte These rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien und Gruppierungen, die seit Beginn der Asyldebatte in Deutschland Verbreitung findet und durch die Übergriffe der Silvesternacht in Köln noch einmal Auftrieb bekommen hat. So behauptete etwa die Alternative in Deutschland (AfD), Köln sei das Ergebnis einer zu großzügigen Asylpolitik gewesen und eine Bestätigung ihrer Überzeugung, dass muslimische und westliche Normen schwer vereinbar seien.

Resonanzboden für rechte Kampagnen

Inwiefern solche Behauptungen verfangen, hängt maßgeblich davon ab, was für ein Frauenbild jemand hat, so das Ergebnis einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB): Bei Menschen mit einem traditionellen Frauenbild, demzufolge Männer das starke und Frauen das schwache Geschlecht seien, haben derartige rechtspopulistische Kampagnen eher Erfolg als bei solchen mit einem progressiveren Weltbild. Diese würden Migranten vor derartigen Unterstellungen eher in Schutz nehmen. „Die Studie zeigt, dass rechtspopulistische Kampagnen von einem vorfindlichen Resonanzboden profitieren: Erfolg haben sie vor allem, wo sie an ein traditionelles Frauenbild anknüpfen können“, heißt es in einer zu Studie veröffentlichten Mitteilung des WZB.

Das Team aus Marc Helbling (WZB), Oriane Sarrasin und Eva G.T. Green (Universität Lausanne) und Nicole Fasel (Universität Lissabon) konfrontierten in Online-Umfrageexperimenten in Deutschland und der Schweiz 181 (D) bzw. 142 (CH) Proband*innen mit fiktiven Darstellungen krimineller Migranten, wie sie in der Schweiz tatsächlich im Vorfeld der Abstimmung über die Ausweisung straffällig gewordener Ausländer 2010 plakatiert worden waren. Je nach vorhandener Einstellung der Betrachter*innen fielen die Reaktionen unterschiedlich aus: Negative Gefühle wurden durch diese Darstellungen vor allem bei jenen ausgelöst, die ihr Umfeld generell als unsicher wahrnehmen.

Absurde Darstellung = positiver Effekt

Diese Ängste spielten wiederum bei der Darstellung von Migranten als Sexualstraftätern keine verstärkende Rolle. Hier beeinflusste vielmehr das Frauenbild die Wahrnehmung. Würden die Proband*innen Frauen als das zu beschützende, schwache Geschlecht sehen, führten derartige Plakate zu deutlich negativeren Einstellungen gegenüber Migranten, als wenn ihnen keine kriminellen Migranten präsentiert würden, so das WZB. Umgekehrt könne die Beschäftigung mit solchen Plakaten aber auch zu positiveren Einstellungen gegenüber Migranten führen: Bei Menschen, die Frauen nicht als das schwache Geschlecht sehen, führe die Ablehnung des suggerierten Frauenbildes auch zu einer Gegenreaktion zur politischen Aussage des Plakats. Frühere Studien würden dieses Ergebnis stützen: „Einstellungen gegenüber Migranten können durch solche Kampagnen auch positiver werden, wenn deren Darstellung als völlig absurd empfunden wird“, heißt es dazu in der Studie.

Sowohl bei positiven als auch negativen Reaktionen bleibt die Frage, wie lange derartige Effekte anhielten – erste spontan negative Reaktionen könnten nach einiger Zeit wieder verschwinden. Allerdings, so die in der Studie formulierte Warnung, könnten sich gewisse Argumente verfestigen, wenn sie immer wieder aufgebracht würden. Welcher Mechanismus siege, hänge auch davon ab, wie realistisch die dargestellte Gefahr ist. Die WZB-Studie schließt: „Die starke Zunahme der Migration oder Vorfälle wie die in Köln lassen vermuten, dass die beschriebenen Effekte weiterhin eine Rolle in der politischen Auseinandersetzung spielen werden.“

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