Wie erreichen wir Oma Kasupke?

01Feb2017

Wie erreichen wir Oma Kasupke?

Der NdM-Salon „In postfaktischen Zeiten: Was Journalist*innen jetzt tun sollten“

 

Das Interesse am ersten Berliner NdM-Salon des Jahres, zu dem wir am 31. Januar als Gäste des renk. Magazins in die Blogfabrik luden, war groß. Vor dicht gedrängtem Publikum diskutierten die Journalistin Joanna Stolarek (Politikredaktion  Neue Berliner Redaktionsgesellschaft und NdM-Vorstand) und die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Paula Diehl (Universität Bielefeld) mit Moderatorin Dena Kelishadi (rbb Inforadio/Deutschlandradio).

Populist*innen machen sich den journalistischen Hunger nach Skandalen zunutze

Joanna Stolarek gab gleich zu Anfang zu bedenken, dass gerade im Lokaljournalismus Fakten nicht ausreichten, um zu überzeugen, mehr noch: dass sie manchmal sogar kontraproduktiv seien. „Wenn ich mit Fakten anfange, schreibt mir Oma Kasupke aus Brandenburg: ‚Was soll ich damit?’“ Oma Kasupke als Stellvertreterin jener Menschen, die sich von der Politik nicht gesehen fühlen und die Medien als elitären Club wahrnehmen, in dem Parteien wie die AfD nur spöttisch abgeurteilt werden, begleitete fortan die Diskussion.

Paula Diehl wies darauf hin, dass sich Populisten systemische Strukturen des Journalismus zunutze machten: den Hunger nach Neuem, nach Events und Skandalen. Schlagwortreiche Auftritte, sei es von Donald Trump oder der AfD, in denen immer wieder vom „einfachen Volk“ die Rede ist, garantierten Schlagzeilen und Sendezeit: „Der beste Wahlkämpfer für Trump war CNN.“ Die Massenmedien nähmen zu häufig eine paternalistische Haltung ein, ohne diese wirklich zu begründen und ohne zu kontextualisieren. Um „Oma Kasupke“ zu erreichen, müsse den Fakten Leben eingehaucht werden, müsse eine konkrete Verbindung zwischen Fakten und Oma Kasupkes alltäglicher Lebensrealität hergestellt werden. Komplexität müsse erklärt, nicht paternalistisch ignoriert und beiseite geschafft werden; Journalismus müsse nicht dramatisieren, sondern einfach kritische Fragen stellen und Missstände aufdecken: „Das ist nichts Neues, sondern etwas, was wir verloren haben.“

Auch die zunehmende Prekarisierung sei ein zentrales Problem des Journalismus: Immer mehr Arbeit werde von unterbezahlten freien Mitarbeiter*innen erledigt, die kaum noch Gelegenheit dazu hätten, komplexe Themen zu recherchieren. In Talkformaten hingegen säßen häufig dieselben etablierten weißen Männer, die sich zu allen Themen äußerten, egal, ob sie Ahnung hätten oder nicht. Frauen seien unterrepräsentiert, ebenso wie Menschen mit Migrationsgeschichte.

Faktencheck bitte nicht nur für den Tatort!

Aus dem Publikum meldeten sich viele freie und angehende Journalist*innen zu Wort. Hanna Ender plädierte dafür, verstärkt denjenigen zuzuhören, die sich von der AfD verstanden fühlen, statt sie ins Lächerliche zu ziehen – mehr Aufmerksamkeit also für die (potenziellen) Wähler*innen und deren Lebensrealität, nicht für populistische Politiker-Statements. Jacques Pezet (Libération/Arte) fragte, wieso es in Deutschland eigentlich für jeden „Tatort“ einen Faktencheck gebe, nicht aber für die Aussagen von Politiker*innen. Er nannte als Positivbeispiel die festen Rubriken in Washington Post, New York Times, Le Monde und Libération, in der wöchentlich die Falschaussagen von Politiker*innen aufgeführt und entkräftet werden. Er fügte hinzu, dass er nicht daran glaube, dass man Oma Kasupke erreichen und überzeugen könne – aber dafür all jene, die noch unentschieden seien. Einig waren sich alle, dass es auch in Zeiten niedriger Auflagen keine Option sein kann, Populist*innen nach dem Mund zu reden: „Wenn wir auf Hetze eingehen“, konstatierte Paula Diehl, „sind wir nicht mehr in einer Demokratie.“

Text: Dana Buchzik
Fotos: Robert Lanzke


Joanna Stolarek ist seit drei Jahren Politikredakteurin bei der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft, die Inhalte für den überregionalen Mantelteil u.a. an die Märkische Oderzeitung und die Südwest Presse Ulm liefert. Außerdem verstärkt sie seit Dezember 2016 den Vorstand der Neuen deutschen Medienmacher, wo sie sich vor allem den kleineren regionalen Zeitungen sowie der Vernetzung mit Hochschulen und Universitäten widmen will.

In ihrer Arbeit als Journalistin konzentriert sie sich auf gesellschaftlich-politische Prozesse und Veränderungen, die deutsch-polnischen Beziehungen, diskriminierungssensible Berichterstattung, Frauenthemen sowie derzeit verstärkt Flüchtlinge. Sie studierte in Tübingen, Germanistik, Slavistik und spanische Philologie.

Paula Diehl ist Politikwissenschaftlerin und Soziologin. Sie lehrt Theorie, Geschichte und Kultur des Politischen an der Universität Bielefeld und leitet dort das Projekt „Das Imaginäre und die Politik in der modernen Demokratie“.
Sie nahm Gastprofessuren in Frankreich, Italien, USA und Brasilien wahr und war Leiterin der Projekte „Symbolik der Demokratie“ und „Populismus zwischen Faschismus und Demokratie“ an der Humboldt Universität zu Berlin.

Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Demokratische Repräsentation und ihre Krise; in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 40-42, 2016 (12-17)
  • Populismus und Massenmedien; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für Politische Bildung, 5-6/2012 (16-22)
  • Die Komplexität des Populismus – Ein Plädoyer für ein mehrdimensionales und graduelles Konzept; in: Populismus: Konzepte und Theorien. Totalitarismus und Demokratie, H. 2, 2011, (273-291)

Dena Kelishadi arbeitet als freie Journalistin für den rbb und Deutschlandradio. Geboren und aufgewachsen ist sie in Frankfurt am Main. Sie hat an der Humboldt-Universität zu Berlin Amerikanistik, Linguistik, Soziologie und Politikwissenschaft studiert und während des Studiums für die tageszeitung, ZEIT ONLINE, das Missy Magazine und den Mediendienst Integration geschrieben. Es folgte eine Volontärs-Ausbildung zur Multimedia-Redakteurin an der Journalistenschule ems.

 

 

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