NDM Bundeskonferenz 2014

„Die grauen Zeiten sind vorbei!“

Dokumentation der ersten Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher
Von Behrang Samsami

Fünf Jahre gibt es die Neuen deutschen Medienmacher. In dieser Zeit hat der Zusammenschluss von JournalistInnen schon erfolgreich zu mehr Vielfalt in der deutschen Medienlandschaft beigetragen: Durch Projekte für differenzierte Berichterstattung, durch ein einjähriges Mentoringprogramm für NachwuchsjournalistInnen und jetzt auch mit lokalen Netzwerken in vielen Teilen des Landes.

Die JournalistInnen der lokalen Netzwerke zusammenzubringen, einen Austausch zu ermöglichen und gemeinsam Pläne zu schmieden – das war der Anlass, zu dem die Neuen deutschen Medienmacher (NdM) am 15. November 2014 zu ihrer ersten Bundeskonferenz nach Berlin einluden. Unter dem Motto „Die grauen Zeiten sind vorbei“ kamen über 80 TeilnehmerInnen aus der gesamten Bundesrepublik zusammen und zogen nach fünf Jahren NdM Bilanz, wie es um die Diversität in der deutschsprachigen Medienlandschaft steht. Was ist bereits erreicht worden und was noch zu tun? Man traf sich im Podewil, wo das Programm viele Veranstaltungen vorsah.

Anlässlich ihrer ersten Bundeskonferenz stellten die Neuen deutschen Medienmacher darüber hinaus ein Glossar vor, das deutschsprachigen Redaktionen erstmals Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland anbietet. Bereits kurz nach seiner Veröffentlichung wurde das NdM-Glossar in den Medien diskutiert, unter anderem von Jan Fleischhauer auf Spiegel Online.

Das Programm der ersten NdM-Bundeskonferenz in Berlin war überaus vielfältig: Neben vier Workshops zu den Bereichen Wording, Gender, internationale Vernetzung und Neuer deutscher Nachwuchs gab es unter anderem Inputs zu den lokalen Netzwerken und eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wer stoppt die Ausländerflut in den Medien?!“ mit ausgewählten Gästen. Verlauf und Resultat der Veranstaltungen werden im Folgenden zusammenfassend wiedergegeben.


Eindrücke von der Konferenz


Das Inhalte ersten NdM-Bundeskonferenz im Einzelnen

Workshop 1: „Medienmacher ohne Grenzen“ / Leitung: Jan Opielka

In einem ersten Abschnitt des Workshops berichteten Ursula Dubois (Ethno-Media Schweiz), Tabea Grzeszyk (Hostwriter), Simon Inou (M-Media Österreich) und Mosjkan Ehrari (Neue deutsche Medienmacher) von der Arbeit ihrer Organisationen, beleuchteten Problemfelder und stellten ihre Ziele und Zielgruppen vor. Dubois berichtete von den Schwerpunkten der Arbeit von Ethno-Media, die in einer Stärkung von Migranten-Medien liege. In der Schweiz seien zwar relativ viele JournalistInnen aus Einwandererfamilien in den Mainstream-Medien vertreten, allerdings spiegele sich dies nicht in der Art und Qualität der Berichterstattung über Migrationsthemen wider. Dubois berichtete von einzelnen Projekten des Vereins, etwa dem Projekt „Medien für acht Millionen vielfältige Menschen“, das in Kooperation mit anderen Organisationen initiiert wurde.

@NdMedienmacher / Ethnomedia: "Integration bedeutet in der #Schweiz Assimilation. Diversität ist noch nicht angekommen" Ist das in Deutschland anders? #ndmbk

Simon Inou erläuterte die Arbeit des seit 2005 bestehenden Vereins M-Media in Wien. Inou verwies auf die äußerst niedrige Zahl von MigrantInnen in österreichischen Medien, die laut einer Studie aus dem Jahr 2011 deutlich unter einem Prozent liegt. Er berichtete von Projekten seines Vereins, unter anderem eines von der Europäischen Union (EU) geförderten Projekts, bei dem in Kooperation mit der Tageszeitung Die Presse jeweils einmal in der Woche über einen Zeitraum von mehreren Jahren eine Zeitungsseite von M-Media eigenverantwortlich unter Einbeziehung von JournalistInnen aus Einwanderfamilien erstellt worden sei. Ein weiteres, internationales und mehrheitlich von der EU finanziertes Projekt habe darauf abgezielt, in den fünf beteiligten Projektländern die Berichterstattung über Westafrika zu verbessern.


Kurze Pause in Workshop 1. Das Thema: „Medienmacher ohne Grenzen“ / Foto: Mosjkan Ehrari

Tabea Grzeszyk stellte die Aktivitäten des seit Mai 2014 bestehenden Netzwerks Hostwriter vor. Ziel der Organisation sei es, JournalistInnen auf der ganzen Welt miteinander zu vernetzen und Kooperationen bei Themen zu ermöglichen. Dabei gehe es vor allem darum, dass sich KollegInnen mit ähnlichen Recherchethemen finden und gegenseitig unterstützen können – indem sie mit Tipps weiterhelfen, sich (gegebenenfalls länderübergreifend) zu Rechercheteams zusammenschließen oder ihre Gästecouch für KollegInnen für die Zeit der Recherche zur Verfügung stellen. Alle diese Möglichkeiten seien freiwillig, von JournalistInnen für JournalistInnen. Hostwriter gehe es um Co-Autorenschaft auf Augenhöhe, die über eine vermittelnde Stringer-Tätigkeit hinausgehe.

Alia Mohammed, NdM-Mitglied und ausgebildet in EU-Fundraising, stellte die Möglichkeiten finanzieller Förderung durch EU-Mittel im Haushaltszeitraum 2014 bis 2020 vor. Sie verwies darauf, dass es für diesen Zeitraum günstig sei, eventuelle Projektanträge möglichst bereits in den ersten Jahren der genannten Förderperiode zu stellen. Es gäbe zudem die Möglichkeit, länderübergreifende Projektanträge zu stellen, wobei Organisationen aus mindestens drei (oder mehr) EU-Staaten beteiligt sein müssten.

Durch die Darstellungen der Lage in Deutschland, der Schweiz und Österreich wurde deutlich, dass die Situation sowohl der Berichterstattung über Menschen aus Einwandererfamilien als auch ihre Beteiligung als JournalistInnen in den Mainstream-Medien in den drei Ländern viele Ähnlichkeiten aufweist. Das bedeutet zugleich, dass es vielfache Überschneidungen in Themenbereichen gibt, bei denen eine internationale Kooperation möglich und auch sinnvoll ist. Tenor in der Workshop-Runde sowie der vertretenen Organisationen war, den Schwerpunkt möglicher Kooperationen auf Projekte zu Mainstream-Medien zu richten und weniger auf Migranten-Medien mit einer spezifischen ethnischen Zielgruppe.

TeilnehmerInnen: Jan Opielka, Simon Inou, Ursula Dubois, Alia Mohammed, Tabea Grzeszyk, Su Ran Sichling, Felix Klickermann, Tina Adomako, Rebecca Sumy Roth, Abenaa Adomako, Kazem Jafari, Mosjkan Ehrari, Carolina Chimoy, Anna Preiser, Maria Pawlova, Adama Ulrich.

Workshop 2: „Die neue deutsche Medienmacherin“ / Leitung: Dena Kelishadi

Medien fungieren als Motoren der Herstellung von Identität. Dem Journalismus kommt hier eine besonders wichtige Rolle zu. Als zentrale Deutungsinstanz der Zeit prägt er tagtäglich mit Bildern und Begriffen im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen das allgemeine Bild von Menschen und Gruppen. Bei Migranten ist das ein problembehaftetes Bild, das nicht der Realität entspricht und gegen das es deshalb aus Sicht der Neuen deutschen Medienmacher anzugehen gilt.

Die Diskussionen im Workshop drehten sich um die Fragen: Wie vielfältig sind die Lebensentwürfe der Migranten, die in der medialen Berichterstattung sichtbar werden? Werden auch Probleme, denen Frauen mit Migrationsgeschichte begegnen, beleuchtet? Finden sich Migrantinnen, die als Vorbilder dienen können? Identifizieren sich Migranten mit dem Bild, das die Medien von ihnen zeichnen? Und: Wird eine Gesellschaft sichtbar, der sie sich zugehörig fühlen wollen?

@NdMedienmacher/ #Gender ist auch ein Thema. Das Gedankenexperiment: Was wäre, wenn man als Mann als Frau aufwachen würde? #ndmbk

Mit der These „Migranten sind geschlechtslos“ leitete Pari Niemann, NdM-Mitglied und langjährige Gleichstellungsbeauftragte beim NDR, ihren Vortrag ein. Sie fasste ihre Beobachtungen zur Wahrnehmung von Genderthemen in Bezug auf MigrantInnen folgendermaßen zusammen: Die Auseinandersetzung über geschlechtsspezifische Themen in Bezug auf Menschen mit Migrationsgeschichte sei fast immer problemorientiert. Beispiele seien der „gewalttätige türkische Vater“ und die „unterdrückte Muslimin“. Ferner: „Ehrenmorde“, „Kopftuchmädchen“ und „Zwangsprostitution“. In der medialen Repräsentation von Migrantinnen überwiege das Klischee des hilfsbedürftigen, weiblichen Opfers, das dem Rollenmodell der westlichen, emanzipierten Frau gegenübergestellt werde. Besonders in der politischen Berichterstattung würden Frauen mit Migrationsgeschichte häufig nur in negativen und konfliktbeladenen Zusammenhängen vorkommen.

Intersektionalität, d.h. die mehrfache Diskriminierung von Menschen, sei den meisten Redaktionen als Begriff nicht geläufig. Mit dem Denkmodell seien viele nicht vertraut. Pari Niemann dagegen hat eindrücklich klar gemacht, warum das Mitdenken der Kategorie Geschlecht maßgebend ist für eine ausgewogene Berichterstattung – auch beim Thema Integration.


Workshop 2: Referentin Pari Niemann (links) und Workshop-Leiterin Dena Kelishadi / Foto: Mosjkan Ehrari

Mit Bezügen zur Alltagswelt der Mehrheit einerseits und mit Fokus auf ausländische Prominente andererseits wäre es den Medien möglich, die Vielfalt der Lebensentwürfe und Rollenkontexte von Migrantinnen vielfältiger darzustellen – beispielsweise als Nachbarinnen, als Erfolgreiche, als Prominente. Aber auch darüber hinaus fänden sich Beispiele. Denn, so Pari Niemann, wer gezielt nach vielfältigen Meinungen und Standpunkten sucht, der findet diese in der Regel auch. Bisher werde zu oft vergessen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Dadurch bleibe als dominante Grundstruktur Folgendes bestehen: Migrantinnen würden als Andere, als Fremde markiert – und selten als „normale“ Bürgerinnen wahrgenommen.

TeilnehmerInnen: Pari Niemann, Dena Kelishadi, Ebru Tasdemir, Canset Icpinar, Sheila Mysorekar, Najima El Moussaoui, Chadi Bahouth, Mehmet Ata, Melanie Wieland, Julia Schell, Waslat Hasrat-Nazimi, Mahyar Nicoubin.

Workshop 3: „Neuer deutscher Nachwuchs“ / Leitung: Kemal Hür

Es wurde zunächst darüber gesprochen, wie momentan der Stand der Dinge sei. Als die Neuen deutschen Medienmacher vor fünf Jahren gegründet wurden, haben wir festgestellt, dass jeder fünfte Mensch in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte hatte – unter den Journalisten war es aber kaum jeder fünfzigste. Daran hat sich bisher nur sehr wenig geändert. Ergo: Es gibt generell eine Unterrepräsentanz an JournalistInnen nichtdeutscher Herkunft in den deutschen Medien. Es fehlen jedoch aktuelle statistische Daten, um das genau beziffern zu können. Problematisch ist dabei, dass der Migrationshintergrund bei der Einstellung aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht erfasst werden darf. Die Zahlen, die einige öffentlich-rechtliche Medienanstalten selbst liefern, sind Ergebnisse aus freiwilligen Befragungen ihrer Belegschaft. Diese Ergebnisse sind kaum belastbar, sondern nur Schätzwerte. Und es gibt natürlich Medienunternehmen, die solche Umfragen gar nicht erst machen.

Wir haben festgestellt, dass es Versuche gibt, Nachwuchs aus Einwandererfamilien zu gewinnen. Aber eine gemeinsame oder medienübergreifende Strategie ist nicht vorhanden. Beim WDR beispielsweise wird jedoch seit einigen Jahren eine interkulturelle Öffnung angestrebt. Dort gibt es den Versuch, junge Menschen nichtdeutscher Herkunft oder aus Einwandererfamilien gezielt zu fördern und für das Berufsfeld Journalismus zu gewinnen – etwa mit Hilfe spezieller Praktika von sechs Wochen Länge. „WDR-Grenzenlos“ ist eine solche Werkstatt für junge angehende JournalistInnen. Der WDR hat in seinen Stellenausschreibungen, unabhängig vom Arbeitsbereich, den Zusatz, dass Vielfalt gefördert werde und Bewerbungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte begrüßt würden. Diesen Zusatz findet man sonst selten.

Es wurde ferner festgestellt, dass es zwar mitunter ein Problembewusstsein bei den Medien, auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten für das Thema der interkulturellen Öffnung und für vielfältigen Nachwuchs gibt. Die Umsetzung gelingt derzeit aber viel besser etwa bei privaten Fernsehsendern wie Pro7, weniger gut bei den meisten öffentlich-rechtlichen Anstalten und in der Presse. Ist das gewünscht? Das Problembewusstsein ist bei den zuständigen Personen in den Anstalten, die für journalistischen Nachwuchs sorgen, teilweise noch nicht entstanden. Im Workshop wurde diskutiert, wie das bei den Migranten-Communities und den jungen Menschen selbst sei. Ist ihnen der journalistische Beruf bekannt? Ist er attraktiv? Bei den Eltern wäre der Beruf noch nicht so angesehen wie die der Ingenieure, Ärzte oder Juristen. So heißt es zumindest immer. Belegt ist diese Annahme nicht.

Es wurde über eine Quote für VolontärInnen und auch in den Journalistenschulen und sonstigen Ausbildungsgängen gesprochen, die umstritten war, aber sinnvoll sein könnte. Eine Quote greift ja ohnehin immer nur bei gleicher Qualifikation verschiedener BewerberInnen. In jedem Fall würde die Forderung nach einer Quote zu einer Debatte über vielfältiges Medienpersonal führen. Interkulturelle Kompetenz sollte bei JournalistInnen jedoch generell vorhanden sein – unabhängig von ihrer Herkunft. Darin waren sich alle einig.


Workshop 3 diskutierte über den „Neuen deutschen Nachwuchs“. / Foto: Mosjkan Ehrari

@NdMedienmacher / Sollten wir eine Quote für Migranten in deutschen Medienhäusern fordern? Über diese Frage herrscht auf der #ndmbk keine Einigkeit.

Besprochen wurde, den Beruf in den Communities, bei den Migranten selbst, bekannter zu machen. Ebenfalls wurde vorgeschlagen, dass die Neuen deutschen Medienmacher eine Argumentationshilfe zusammenstellen sollten – für Kollegen, die an Podien teilnehmen oder auch in den Redaktionen den immer gleichen Ressentiments begegnen. Sie könnten diese Argumente dort vortragen und erklären, warum man mehr JournalistInnen nichtdeutscher Herkunft bräuchte. Bei Besuchen in Redaktionen sei das genauso wichtig. Zwei weitere Vorschläge: 1. Handlungsempfehlungen für Medienunternehmen in Sachen Diversität geben und 2. Die Neuen deutschen Medienmacher könnten bei den Medienbetrieben erfragen, wie viele Menschen nichtdeutscher Herkunft es bei ihnen überhaupt gibt.

TeilnehmerInnen: Kemal Hür, Daniel Bax, Bernd Knopf, Konstantina Vassiliou-Enz, Tran Dang, Baran Korkmaz, Daniela Milutin, Kadriye Acar, Panajotis Gavrilis, Jeannette Oholi, David Picareta Moos, Karim El-Helaifi, Sharmila Hashimi, Pinar Abut, Ali Murat Kaya.

Workshop 4: „Neue Begriffe für die Einwanderungsgesellschaft“ / Leitung: Rana Göroğlu

Nach der Begrüßung und einer Vorstellungsrunde erläuterte Shion Kumai von den Neuen deutschen Medienmachern Entstehungsgeschichte, Herausforderungen und Zielsetzung des NdM-Glossars. Dann kam es zu Diskussion Teil I. Sie behandelte folgende Fragen: 1. Was ist Ihr erster Eindruck vom Glossar? Finden Sie es gelungen? 2. Wie brauchbar, hilfreich und lesbar finden Sie es – insbesondere für Fachfremde und die Zielgruppe JournalistInnen? 3. Was könnte man verbessern?

Es war Konsens in der Runde, dass es einen großen Bedarf an einem solchen Glossar und einer Hilfestellung beim Finden und Treffen der richtigen Begriffe im journalistischen Alltag zum Themenfeld Migration und Integration gäbe. Zudem waren viele beeindruckt von der Fülle der im Glossar erläuterten und definierten Begriffe und der damit geleisteten Recherchearbeit. Konsens war auch, dass sich ein solches Glossar online gegebenenfalls leichter gestalten und nutzen lasse. Man könnte darin querverlinken, es als „living document“ gestalten und immer weiter überarbeiten. Diskutiert wurde auch, eventuell ein Forum für Online-Kommentare zum Glossar einzurichten, um eine Begriffsdiskussion im Netz zu ermöglichen.

Diskutiert wurde darüber hinaus, ob die einzelnen Kapitel etwas ausführlicher eingeleitet werden sollten: Warum etwa bekommt das Thema „Islam“ ein eigenes Kapitel? Welcher Diskurs steckt dahinter? Für was stehen „Muslime“ und „Islam“ im medialen Diskurs? Der Vorschlag vom NdM-Workshop beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vom April 2013 war auch, beim Formulieren die Artikel wegzulassen und statt von „DER Islam“ und „DIE Muslime“, wo es möglich sei, von „Islam“ und „Muslime“ zu sprechen, um der Heterogenität islamischer Identitäten, Auslegungen, Ausrichtungen und Lebensentwürfe gerecht zu werden und die Konstruktion einer scheinbar homogenen Gruppe zu vermeiden.

@NdMedienmacher / "Wir brauchen Differenziertheit im Journalismus. Das ist keine Frage von Goodwill, sondern von Qualität." #ndmbk

Es wurde festgestellt, dass JournalistInnen übersichtliche, eindeutige, schnell lesbare und verständliche Informationen haben wollen – und klare Empfehlungen. Die Empfehlungen im Glossar könnten deshalb ruhig selbstbewusster vertreten werden. Zudem handle es sich lediglich um ein Angebot mit Erläuterungen, warum etwas empfohlen werde oder nicht.


Workshop 4: Rana Göroglu (stehend) in der Diskussion über das Glossar. / Foto: Mosjkan Ehrari

Zur Frage der Aufteilung gab es verschiedene Meinungen: Braucht man die Überkategorien? Sollte man sogar mehr Überkategorien schaffen oder könnte man nicht auch alles nur alphabetisch ordnen ohne Überthemen? Identifiziert und diskutiert wurde auch, dass es im Glossar zwei verschiedene Herangehensweisen gäbe: Einerseits Begriffe, die erläutert würden, weil sie problematisch seien und/oder unscharf benutzt würden. Anderseits Begriffe, die vornehmlich lexikalisch erklärt würden.

Das Kapitel „Asyl“ fanden einige TeilnehmerInnen wegen der vielen juristischen Begriffe schwer verständlich. Es gäbe dort einige problematische Begriffe wie „Asylant“, „Schein-Asylant“ oder „Wirtschaftsflüchtling“. Andere hingegen seien rechtlich klar definiert. Eine Frage war, ob das Glossar der richtige Ort sei, um sie alle zu erklären.

In der Diskussion Teil II wurden folgende Fragen behandelt: 1. Wie kann man das Glossar am besten bekannt machen? 2. Wie es verbreiten und an JournalistInnen u.a. Interessierte herantragen? 3. Was soll man dabei beachten, damit das Glossar von der Zielgruppe angenommen wird? Neben einer Pressemitteilung, einer Pressekonferenz und Interview-Angeboten gab es die Idee, ein Workshop-Konzept aus dem Glossar zu entwickeln und als solches anzubieten. Ferner wurde angeregt, einen „Call for support“ unter den Mitgliedern zu starten, das Glossar in ihren Redaktionen zu verteilen und dafür zu werben. Die Amadeu-Antonio-Stiftung macht ein Projekt zu „hate speech“. Auch an sie könnte man herantreten und unser Glossar auf Veranstaltungen auslegen. Ebenso könnte man sich an das Antidiskriminierungsbüro Köln wenden. Denkbar wäre auch, Blattkritiken zu machen oder TV- und Radio-Sendungen etwa über eine Woche zu beobachten und auf problematische oder falsch verwendete Begriffe hin zu analysieren. Damit könnte man dann Redaktionen besuchen und in diesem Kontext das Glossar vorstellen.

TeilnehmerInnen: Rana Göroglu, Shion Kumai, Nilüfer Sahin, Baha Güngö, Alice Lanzke, Canan Topcu, Pamela Cegreen, Carmen Colinas, Hadija Haruna, Günther Piening, Ferhad Dilmaghani, Nicolaus List.

Vorstellung des NdM-Glossars durch Konstantina Vassiliou-Enz

Nach Beendigung der vier Workshops präsentierten die LeiterInnen die Ergebnisse. Anschließend eröffnete Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher, die Abendveranstaltung und stellte die erste Fassung des Glossars mit Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland vor. Es ging am Abend des 15. November 2014 online und liegt seit Dezember 2014 als gedruckte Broschüre vor. Vassiliou-Enz sagte über das Glossar: „Es soll in jeder Redaktion liegen, jeder Chefredakteur soll es auf den Schreibtisch bekommen. Damit JournalistInnen wissen, dass sie nachschlagen können, wenn sie etwas schreiben, was mit Einwanderung zu tun hat – oder vermeintlich mit Einwanderung zu tun hat. Hier kann man differenzierte Formulierungen nachschlagen und Alternativen für gängige Begriffe suchen, die man als JournalistIn bisher nicht immer ganz präzise verwendet.“

Input: Lokale Netzwerke der Neuen deutschen Medienmacher mit Hadija Haruna

Nach der Präsentation des NdM-Glossars stellte Ferda Ataman, Mitgründerin der Neuen deutschen Medienmacher und Moderatorin des Abends, die seit 2014 bestehenden lokalen Netzwerke der Neuen deutschen Medienmacher in Deutschland vor. Es haben sich außer in Berlin und Köln nun auch schon in München, Frankfurt am Main und Bremen JournalistInnen mit Migrationsgeschichte zusammengetan. In den nächsten Monaten finden weitere Gründungstreffen in Hamburg, Freiburg, Hannover und im Rhein-Neckar-Raum statt. Weitere sollen folgen. Hadija Haruna, Redakteurin beim Hessischen Rundfunk und engagiert bei den NdM sowie bei der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ (ISD), erzählte Ataman vom fruchtbaren inhaltlichen Austausch auf dem Gründungstreffen des Netzwerks Anfang 2014 und dem neu ins Leben gerufenen Stammtisch für NdM'ler in Frankfurt am Main.


Ferda Ataman (links) und Hadija Haruna / Foto: Mosjkan Ehrari

Des Weiteren haben JournalistInnen des NdM-Netzwerks Rhein-Main die Ziele der Neuen deutschen Medienmacher und Wissen über das Thema der medialen Integration schon beim „Runden Tisch deutscher und türkischer Journalisten Rhein-Main“ verbreitet, beim „Runden Tisch Islam Rheinland-Pfalz“ in Mainz, in zwei Interviews zum NdM-Netzwerk und zur Sprache im Journalismus auf HR-Info, beim „Runden Tisch der Religionen“ der Stadt Kassel, bei einer Tagung der „Arbeitsgemeinschaft der Beiräte für Integration und Migration Rheinland-Pfalz“ und einer Tagung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden.

Auf Initiative des NdM-Netzwerks Rhein-Main ist außerdem Anfang 2015 ein Workshop und Redaktionsgespräch beim ZDF in Mainz anberaumt, um sich zum Thema der differenzierten Medienberichterstattung auszutauschen und praktische Werkzeuge für vielfältige Redaktionsarbeit vorzustellen.

„Ihr habt noch viel zu tun!“
Baha Güngör, erster Zeitungsvolontär aus einer türkischen Familie über Neue deutsche Medienmacher von 1976 bis heute

Nach dem Input von Ferda Ataman und Hadija Haruna über die neuen lokalen Netzwerke der Neuen deutschen Medienmacher hielt Baha Güngör, der 1976 der erste Volontär aus einer türkischen Familie im deutschen Medienmainstream wurde, einen Vortrag. Güngör erzählte vor allem von seinen ambivalenten Erfahrungen als Journalist und „Türkeiexperte“ der Kölnischen Rundschau: „Ich habe damals wie Ihr heute dafür gekämpft, dass ich ein deutscher Staatsbürger und deutscher Medienmacher bin und mich auch mit deutschen Themen beschäftigen will.“ Aber es habe damals wie heute Vorurteile gegeben, dass er kein richtiger Deutscher sei, sondern ein Türke.

„Kann der das überhaupt? Damit wurde ich immer konfrontiert. Aber ich passte auch wunderschön ins Bild. Bei mir war die Latte, Volontär zu werden, im Gegensatz zu Euch heute, nicht hoch.“ Die Deutschen hätten die Türken kennenlernen wollen, die ihre Straßen zunehmend bevölkerten. Und von den Türken hätte Güngör ihnen am Besten erzählen können, weil er Türkisch konnte. „Bei der Kölnischen Rundschau, wo ich mich beworben hatte, musste ich einen Probekommentar schreiben, um zu beweisen, dass ich ins Gesamtbild passte.“ Das Thema: Türkenwagen im Rosenmontagszug.

@NdMedienmacher / Güngör: "Ich war Experte für zwischenmenschliche Beziehungen. 'Meine Tochter will 'nen Türken heiraten. Können sie ihr das ausreden?'" #ndmbk

„Was schreibt Baha Güngör? Sollte ich das kritisieren und das Volontariat vergessen?“ Er habe geschrieben, dass der Karneval in Deutschland dazugehöre und die Türken damit leben müssten, auch einmal auf dem Wagen abgebildet zu werden. „,So, du Türke – ich hieß nicht Güngör, ich hieß immer nur ,der Türkeʻ – ab in die Türkei. Du musst jetzt sofort von den Unruhen berichten.ʻ Das sagte mein Chef nach den Unruhen am 1. Mai 1977 in Istanbul. Daraufhin kaufte ich mir ein Zweite-Klasse-Bahnticket nach Amsterdam, von wo ich in die Türkei fliegen sollte. Der Chef darauf: ,Meine Leute fahren immer erster Klasse.ʻ Und ich: ,Mensch, sind die Deutschen toll!ʻ“


Baha Güngör zieht Bilanz über seine knapp 40 Jahre im Journalismus. / Foto: Mosjkan Ehrari

Bei ihm sei es immer eine Gratwanderung oder Höhenwanderung gewesen, denn er habe immer herunterfallen können. „So wie ich immer der Stolz der Deutschen war, weil ich der erste Türke war, war ich auch der Stolz der Türken, weil ich es als Erster geschafft hatte. Aber ich musste mich immer wieder behaupten.“ Er habe sich selbst immer als Experte auch für zwischenmenschliche Beziehungen bezeichnet. Und so habe er auch Fragen beantworten müssen wie „Meine Tochter will einen Türken heiraten. Können Sie ihr das ausreden?“ Am Ende wiederholte Güngör noch einmal den Satz, mit dem er seinen Vortrag eröffnet hatte: „Ihr habt noch viel zu tun, junge Kollegen, bis Ihr die deutsche Medienlandschaft erwandert habt mit Eurer Zuwanderung.“

„Wer stoppt die Ausländerflut in den Medien?!“ / Diskussion unter Leitung von Ferda Ataman

Die Vielfalt in deutschen Redaktionen nimmt zu. JournalistInnen mit Migrationsgeschichte sind zwar noch immer rar gesät, aber es gibt sie. Was muss passieren, um ihren Anteil zu erhöhen oder ist jetzt schon alles auf einem guten Weg? Braucht es eine Migrantenquote analog zur Frauenquote? Und was sagen die KollegInnen, LeserInnen und ZuschauerInnen dazu? Über diese Fragen sprach Ferda Ataman mit Mely Kiyak (Publizistin), Simon Inou (Geschäftsführer von M-Media), Jan Fleischhauer (Spiegel-Redakteur), Sheila Mysorekar (freie Journalistin und erste Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher) und Bernd Ulrich (stellvertretender Chefredakteur der Zeit).

Ataman eröffnete die Diskussion mit der Frage, ob es Zeit wäre, die Ausländerflut in den Medien zu stoppen. Mysorekar sagte, dass es darauf ankomme, wohin man schaue: „Die Musikmagazine sind bunt, aber in den Ressorts Sport und Politik ist es weiß. Ich glaube, dass bestimmte Spielwiesen eingeräumt werden, in denen man nicht viel Schaden anrichten kann. Etwa in der Unterhaltung.“ Aber in anderen Bereichen wie der Politik-Redaktion dauere es, bis man Sprecher werden könne.

@NdMedienmacher / "Die Musikmagazine sind bunt - aber im Ressort Sport und Politik ist es weiß" #ndmbk

„Was schreibt Baha Güngör? Sollte ich das kritisieren und das Volontariat vergessen?“ Er habe geschrieben, dass der Karneval in Deutschland dazugehöre und die Türken damit leben müssten, auch einmal auf dem Wagen abgebildet zu werden. „,So, du Türke – ich hieß nicht Güngör, ich hieß immer nur ,der Türkeʻ – ab in die Türkei. Du musst jetzt sofort von den Unruhen berichten.ʻ Das sagte mein Chef nach den Unruhen am 1. Mai 1977 in Istanbul. Daraufhin kaufte ich mir ein Zweite-Klasse-Bahnticket nach Amsterdam, von wo ich in die Türkei fliegen sollte. Der Chef darauf: ,Meine Leute fahren immer erster Klasse.ʻ Und ich: ,Mensch, sind die Deutschen toll!ʻ“

Inou erzählte von Österreich, wo 17 Prozent Menschen mit Migrationsgeschichte lebten: „Wir werden unser Ziel erreichen, wenn in jeder Redaktion 17 Prozent des Teams Migrationsgeschichte haben. In Österreich haben wir aktuell 0,01 Prozent JournalistInnen mit Migrationsgeschichte. Das heißt, wir haben viel zu tun.“ Kiyak gab zu bedenken, dass viele MigrantInnen in den Medien nicht automatisch dazu führten, dass die Medien besser würden. Es gäbe aber Redakteure, die zu alt oder steckengeblieben seien. „Vielfalt bedeutet für mich nicht nur Migrationsgeschichte, sondern auch verschiedene Milieus. Ich glaube, dass man dann auf andere Ideen kommt und andere Geschichten entwickelt. In Deutschland haben wir, insgesamt gesehen, sehr gute Medien, aber im Detail läuft es oft katastrophal.“

@NdMedienmacher / @berndulrich: "Wir brauchen eine Redaktion, die genauso spannend ist wie die Welt da draußen" #ndmbk

Ulrich erzählte von der Entwicklung bei der Zeit: „Ohne dass es einen Plan gegeben hätte, haben wir immer mehr Menschen mit anderen Herkünften eingestellt, aber eben mit dem Gefühl ,Wir brauchen eine Redaktion, die genauso interessant ist wie die Welt da draußen, damit wir unseren Lesern die Welt genau so interessant machen können, wie sie ist.ʻ“ Und mit Blick auf die Konflikte im Osten und Süden Europas und ihre Folgen wie die Migration von Flüchtlingen ergänzte er, wie die Medien auf sie reagieren müssten: „Die Frage der Prozente ist mir nicht wichtig, sondern die der Tendenz. Wir brauchen das schneller, als wir uns das vorgenommen hatten, dass wir nämlich die Verschiedenheit und den Zivilisationsdruck in die Redaktion hineinholen und mitleben.“


Die Abschlussveranstaltung der ersten NdM-Bundeskonferenz 2014 / Foto: Mosjkan Ehrari

Ataman stellte danach die Frage, was passieren müsse, damit die Redaktionen bunter würden. Fleischhauer sprach von zwei Möglichkeiten: Entweder durch gesellschaftlichen Druck und durch Lobbyarbeit, weil sich sonst nichts bewege. Die Diskussion um die Quote zeige das. „Das andere ist: interessant und originell zu schreiben. Oder im Fernsehen aufzufallen durch das, was man tut.“ Das solle man nicht außer Acht lassen. „Man muss sich selbst Gehör verschaffen und originell sein. Dafür gibt es einen ganz großen Bedarf im deutschen Journalismus.“ Mysorekar wandte dagegen ein, dass man auch zu bestimmten Themen gedrängt werde. „Das ist eine Falle, die sich die Leute nicht selber stellen.“

Dann ging es um die Frage, was damit gewonnen wäre, wenn mehr Menschen mit unterschiedlichen Herkünften in die Redaktionen kämen. Kiyak sprach davon, dass alles anders werden würde: „Im Kulturteil werden andere Filme und Bücher besprochen und andere Debatten wiedergegeben.“ Ein Beispiel sei die Diskussion über den Islam in Nordafrika und der Türkei. Es gäbe dort viele Fernsehsendungen, die sich mit Sex und Kindererziehung im Islam auseinandersetzen würden. „Wenn wir mehr Leute hätten, die Arabisch und Türkisch sprechen, könnten sie darüber berichten. Wir würden dadurch auch schlagartig unsere Debatte spiegeln und merken, wie unglaublich zurückgeblieben wir sind.“

Ataman sprach anschließend die ARD-Toleranz-Woche an. Sie fragte, was es aussagen würde, wenn das Thema Migration auf einem Plakat mit „Belastung oder Bereicherung?“ hinterfragt werde. Mysorekar sagte, dass der gute Wille da sei, er allein aber nicht sehr viel weiterhelfen würde: „Wir machen eine Woche Toleranz – die restlichen 51 können wir so dann weitermachen wie bisher. Die Fragestellung ist falsch. Wir stehen für die Selbstverständlichkeit, dass Migranten dazu gehören.“ Inou kritisierte das Wort: „Die Toleranz hat eine Grenze. Das Wort Respekt wäre besser gewesen.“

@NdMedienmacher / Mely Kiyak: "Ich nehme die #Toleranzwoche der #ARD in Schutz. Sie ist für Hildegard und Herbert gemacht." #ndmbk

Ulrich entgegnete, dass auch Migranten nicht in allen Feldern tolerant seien. Homosexualität sei ein Beispiel. „Es gibt eine Gleichverteilung über alle Bevölkerungsgruppen, was Toleranz angeht. Gut finden, dass die Anderen verschieden sind, fällt auch den Verschiedenen nicht immer leicht.“ Fleischhauer warnte aber davor, den Begriff zu streichen, wenn man viele Menschen erreichen wolle: „Es ist gefährlich zu sagen: ,Du bist zwar guten Willens, aber sag bloß nicht das Falsche.ʻ Wenn wir den Begriff ausmustern wollen, dann wird es echt schwer. Was bleibt dann – Akzeptanz? Der Begriff ist nicht gut, weil auch Akzeptanz ihre Grenzen hat. Und jetzt kommt das Wort Respekt.“ Die Leute, die sich damit nicht professionell beschäftigen würden, hätte man dann verloren.

@NdMedienmacher / @janfleischhauer: "Was bleibt, wenn wir den Begriff #Toleranz ausmustern?" Er meint unseren Glossar http://bit.ly/1q4fW4J #ndmbk

Danach lenkte Ataman das Gespräch zur Frage, woher die Sehnsucht käme, das N-Wort auszusprechen. Fleischhauer sah den Grund in der Trotzreaktion und Obsession beider Seiten: „Es gibt einige, die sagen, dass das Zigeunerschnitzel nicht mehr so heißen darf. In Hannover ist es daraufhin aus allen Kantinen entfernt worden. Auf der anderen Seite gibt es die von Peter Hahne initiierte ,Bewegung zur Rettung des Zigeunerschnitzelsʻ. Hahne hat auch ein Buch dazu verfasst, das es in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat. Das ist alles kurios. Interessant ist, zu glauben, dass sich die Realität ändert, wenn man Dinge anders benennt.“ Mysorekar sah das anders: „Wir sind JournalistInnen und arbeiten mit Worten. Die Realität ändert sich nicht per se dadurch, sondern das ist Teil eines gesamten Prozesses, um die Realität zu verändern.“ Wir lebten nicht mehr im Mittelalter. Die Menschen machten es mit, vielleicht sogar gern. Man könne vorangehen und sagen: Ich muss jetzt nicht Dinge benennen, so wie die Menschen sie gewohnt sind.

@NdMedienmacher / @janfleischhauer: "Die Realität wird sich nicht ändern, wenn man Dinge anders benennt." Das Publikum widerspricht. #ndmbk

Ulrich machte daraufhin aufmerksam, dass sich das Verhältnis zwischen Zeitungen und den Lesern in den letzten Jahren sehr verändert habe: „Wir haben keinen Erziehungsauftrag gegenüber unseren LeserInnen, sondern nur den, mit ihnen in einen vernünftigen, möglichst klugen und unterhaltsamen Dialog zu treten.“ Trotzdem versuche die Zeit möglichst viele Themen in die Zeitung zu bringen, die für die Redaktion selbst und die LeserInnen eine gewisse Zumutung und Herausforderung seien. Ulrich verwies auf die stärkere Afrika-Berichterstattung: „Wir machen da mehr, als wir vermuten müssen, dass unsere Leser von alleine gerne haben würden.“ Die Redaktion könne aber auch nicht in einen avantgardistisch-erzieherischen Anspruch zurückfallen: „Die Leute laufen uns dann weg. Die Zeit ist ein elitäres Massenblatt. Die Leser müssen uns lesen wollen. Das bitte ich zu berücksichtigen.“

Kiyak widersprach Ulrich. Auf der einen Seite würden die Zeitungen ihre Leser verlieren, auf der anderen Seite gäbe es eine große Leserschaft, die sie gar nicht ins Visier nähmen. „15 Millionen Menschen haben Migrationsgeschichte und ich frage mich, ob schon mal gefragt worden ist, was die eigentlich gern in der Zeit lesen würden.“ Die Menschen, über die die Zeitungen schrieben, seien in Teilen auch ihre Zielgruppe.

@NdMedienmacher / @berndulrich: "Wir sind keine Erzieher. Wir haben die Verantwortung, mit unseren Lesern in einen Dialog zu treten" #ndmbk Kiyak widerspricht

Ataman fasste anschließend die etwa anderthalbstündige Diskussion zusammen und nannte als Ziele der nächsten fünf Jahre: 1. Für den „zweiten Türken“ in der Redaktion zu kämpfen, der sich dann im Gegensatz zum „ersten Türken“ auch mit anderen Themen als mit Migration und Integration beschäftigten könne. 2. Wenn man als JournalistIn mit Migrationsgeschichte etwas erreichen wolle, müsse man sich vernetzen, Druck aufbauen und sich nicht in die Nische drängen lassen. Dann könne man auch besser dafür sorgen, dass ein Zweiter nachkommen könne. 3. Vielfalt breiter verstehen, d.h. nicht nur JournalistInnen mit Migrationsgeschichte, sondern auch solche aus anderen sozialen Schichten als dem Bildungsbürgertum in die deutschsprachigen Redaktionen aufnehmen, um die Vielfalt der Gesellschaft besser abdecken und spiegeln zu können.

Dr. Behrang Samsami ist NdM-Mitglied, freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Er dankt Konstantina Vassiliou-Enz, Rana Göroglu, Dena Kelishadi, Jan Opielka, Miguel Zamorano und Mosjkan Ehrari für ihre freundliche Unterstützung bei der Erstellung dieser Dokumentation.

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NdM Bundeskonferenz. Die grauen Zeiten sind vorbei!

Samstag, 15. November 2014, 14.30 bis 1 Uhr
im Podewil, Klosterstraße 68 (geg. U-Bhf. Klosterstraße, Ausgang Rathausstraße), 10179 Berlin

Neu am 15.11.2014:
NdM-Glossar für die Berichterstattung

 

Fünf Jahre gibt es die Neuen deutschen Medienmacher. In dieser kurzen Zeit haben wir erfolgreich dazu beigetragen, für mehr Vielfalt in der deutschen Medienlandschaft zu sorgen: Durch Einmischung in politische Debatten, durch Nachwuchsförderung und jetzt auch mit lokalen NdM-Netzwerken in vielen Teilen des Landes.
Wir laden alle interessierten Kolleginnen und Kollegen ein, neue Pläne zu schmieden, wie der Journalismus in den nächsten Jahren in Deutschland noch vielfältiger werden kann. Es gibt vier Workshops am Nachmittag zu den Themen Wording, Gender, internationale Vernetzung und Neuer deutscher Nachwuchs. Auf unserer Podiumsdiskussion mit ausgewählten Gästen lösen wir die Frage: „Wer stoppt die Ausländerflut in den Medien?!“ und zum Abschluß steigt die NdM Afterdenkparty – denn so bunt kommen wir nicht mehr zusammen!Programm NdM Bundeskonferenz
14.30 Uhr Ankommen, Anmeldung
15.00–17.30 Uhr 5 Jahre NdM. Wir sind noch längst nicht fertig. Agendasetting in vier Workshops (siehe unten)
17.30–18.00 Uhr Austausch der Workshopergebnisse
18.00–19.00 Uhr Buffet für alle Workshopteilnehmer*innen
19.00–21.00 „Wer stoppt die Ausländerflut in den Medien?!“
Panel: Mely Kiyak
(Publizistin), Sheila Mysorekar (NdM), Simon Inou (M-Media, Österreich), Jan Fleischhauer (SPIEGEL online), Bernd Ulrich (ZEIT)
Die Vielfalt in deutschen Redaktionen nimmt zu. Journalisten mit Migrationshintergrund sind zwar noch immer rar gesät, aber es gibt sie. Was muss passieren, um ihren Anteil zu erhöhen oder ist jetzt schon alles auf einem guten Weg? Braucht es eine Migrantenquote, analog zur Frauenquote? Und was sagen die Kolleginnen und Kollegen, die Leserinnen und Leser und die Zuschauerinnen und Zuschauer dazu?
Moderation: Ferda Ataman, NdMImpuls: Lokale Netzwerke Neuer deutscher Medienmacher

Input: „Neue deutsche Medienmacher – von 1976 bis heute“ NdM-Mitglied Baha Güngör war der erste Volontär aus einer türkischen Familie im deutschen Medienmainstream. 32 Jahre später gründete er die Neuen deutschen Medienmacher mit und weiß am besten: Haben die Zeiten sich geändert?

21.00–1.00 Uhr NdM-Party mit DJ Fuzzywuzzy – so bunt kommen wir nicht mehr zusammen!

Wir bitten um rechtzeitige Anmeldung zu den Workshops – Danke! (Anmeldung und Workshops auf dieser Seite unten)


 

Agendasetting in vier Workshops von 15 bis 17.30 Uhr

 

Workshop 1
„Medienmacher ohne Grenzen“
Definition gemeinsamer Ziele, Ideen und Projekte für eine internationale Zusammenarbeit.
Leitung: Jan Opielka (Journalist, Gliwice)
Inputs: Simon Inou (M-Media, Österreich), Ursula Dubois (Ehtno-Media, Schweiz), Alia Mohammed (NdM)
(Konferenzraum)
(Es ist leider keine Anmeldung mehr möglich.)
Workshop 3
„Neuer deutscher Nachwuchs“
Was fehlt zur besseren Förderung von Nachwuchsjournalist*innen aus Einwandererfamilien?
Leitung: Kemal Hür
Input: Prof. Uli Pätzold
(Studio 2)
(Es ist leider keine Anmeldung mehr möglich.)

 

Workshop 2
„Die neue deutsche Medienmacherin“
Warum haben Migranten kein Geschlecht? Zur nicht-vorhandenen Genderdebatte unter Medienmacher*innen und in der Öffentlichkeit.
Leitung: Dena Kelishadi
Input: Pari Niemann (Klubraum)Button_Workshop_02
Workshop 4
„Neue Begriffe für die Einwanderungsgesellschaft“
Diskussion zum Thema Wording und über das NdM Glossar mit Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland.
Leitung: Rana Göroglu
Input: Shion Kumai
(Es ist leider keine Anmeldung mehr möglich.)