Hilfe bei der Berichterstattung oder Zensur? Der NdM-Salon zu unserem Glossar

27Apr2017

Hilfe bei der Berichterstattung oder Zensur? Der NdM-Salon zu unserem Glossar

 

Lob und Dankbarkeit – aber auch Zensurvorwürfe, Häme und Hass: Die Reaktionen auf das Glossar zur Berichterstattung im Einwanderungsland der Neuen deutschen Medienmacher (NdM) sind vielfältig – und es wird teils heftig über den Sinn und Zweck einer solchen Sammlung von Formulierungshilfen gestritten. Gleichzeitig berichten immer noch viele Medien reichlich unpräzise über „die Flüchtlingskrise“, über „Armutszuwanderer“ oder „Flüchtlingswellen“. Es lohnt sich also zu schauen, wie das Glossar eigentlich bei den Medienschaffenden ankommt, die es nutzen – und wie relevant es für deren tägliche Arbeit in den Redaktionen ist.

Diesen Fragen hat sich eine Gruppe von Studentinnen der Freien Universität Berlin im Rahmen eines Seminars am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gestellt. Sie führten vier ausführliche Interviews mit Journalist*innen öffentlich-rechtlicher Medien und verknüpften die Resultate mit anderen Forschungsergebnissen. Einen Überblick präsentierten sie am 25. April im NdM-Salon „Hilfestellung für Journalist*innen oder Sprachpolizei? Das NdM-Glossar auf dem Prüfstand“ im aquarium des Südblocks in Berlin-Kreuzberg.

Das Glossar als Argumentationsgrundlage
Das Kernergebnis der Untersuchung: Die befragten Journalist*innen sehen das Glossar eher als Denkanstoß und weniger als alltagstaugliches Handbuch. Vor allem sei die Begriffssammlung aber eine hilfreiche Argumentationsgrundlage im Gespräch mit Kolleg*innen, sagte Anne Güntzel, die die Ergebnisse mit Carolin Sonnenstatter für die Gruppe präsentierte. Eine weitere wichtige Beobachtung sei gewesen, dass sich die Befragten der Bedeutung einer präzisen Sprache im Journalismus sehr bewusst waren, da Metaphern die Wahrnehmung von Leser*innen und Zuschauer*innen prägten. Grundlage der Untersuchung war die Feststellung, dass in der Berichterstattung vieler Medien nur selten über den Alltag oder die Herausforderungen von Menschen mit internationaler Geschichte oder gar Positives über sie und ihre Lebenswelten berichtet werde.

Wegen des überschaubaren Umfangs können die Ergebnisse der Untersuchung nicht verallgemeinert werden. Außerdem spielt bei solchen Befragungen stets die soziale Erwünschtheit der Antworten eine Rolle: Sich als Journalist*in gegen eine präzise Berichterstattung zu stellen, kommt eben häufig nicht gut an.

Kommt in die Redaktionen!

Die Ergebnisse waren am Dienstag dennoch eine gute Grundlage zur Diskussion. Die Macherinnen der Untersuchung empfehlen den Neuen deutschen Medienmachern, das Glossar noch stärker im Rahmen von Workshops und Blattkritiken, die es ja bereits gibt, in die Redaktionen zu tragen. „Macht das, was ihr habt, sichtbarer“, forderte Güntzel. Eine der Befragten hätte zum Beispiel erzählt, dass sich mit einer Sendekritik der NdM in ihrer Redaktion ein „window of opportunity“ aufgetan habe – ein „Gelegenheitsfenster“, in dessen Rahmen Kolleg*innen offener als sonst für sensiblen Sprachgebrauch gewesen seien.

„Wir brauchen mehr Face-to-Face-Kommunikation“, fasste es ein Besucher der Lounge zusammen – und das Glossar könne ein guter Anlass dafür sein. Auch sei es sinnvoll, das Glossar noch stärker als bisher bereits an Orten der journalistischen Ausbildung zu verbreiten. „Wir erleben gerade ein massives Rollback und der Output der Medien verändert sich nicht“, sagte ein langjähriger Journalist. Die Verbreitung sprachsensibler Begriffe sei also wichtiger denn je: „Präzise formulieren, die Dinge genau benennen – wenn wir Journalisten das nicht tun, wer dann sonst?“ Das sah auch NdM-Geschäftsführerin Konstantina Vassiliou-Enz so, die mit auf dem Podium saß und unter anderem von der Entstehung des Glossars berichtete. „Wir müssen souverän und journalistisch bleiben“, sagte sie – auch, weil Kommentare und Hate Speech teils starken Einfluss auf die Berichterstattung von Kolleg*innen haben. Verstärkt in die Redaktionen zu gehen, sei wichtig.

Text und Fotos: Fabian Scheuermann

 


Die Untersuchung kam unter Mitarbeit von Anne Güntzel, Carina Knipping, Lena Mempel, Margarita Pashkovskaia und Carolin Sonnenstatter zustande. Geleitet wurde das Master-Seminar zum Thema „Medien und Migration“ von Sünje Paasch-Colberg.

Die Untersuchungsergebnisse im Überblick (PDF)

Das NdM-Glossar findet sich hier.

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