Man muss nur wollen: Die 2. Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher

11Okt2015

Man muss nur wollen: Die 2. Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher

Von Alice Lanzke

„Was gut ist, setzt sich durch“: Auf die Frage, warum es in den deutschen Medienhäusern noch immer so wenige Journalist*innen mit Migrationsgeschichte gibt, ist das eine oft gehörte Antwort – die Neuen deutschen Medienmacher (NdM) haben sich entschlossen, offensiv mit der Phrase umzugehen, und ihre zweite Bundeskonferenz, die am 10. Oktober 2015 in der Berliner Werkstatt der Kulturen stattfand, unter diesen Titel gestellt.

Wie wichtig mehr Vielfalt in den Redaktionsstuben ist, zeigte sich in den drei Workshops, die unter dem Motto „Man muss nur wollen“ stattfanden. Denn viele aktuelle medienpolitische Fragen würden sich gar nicht stellen, würde es eine größere Breite an Perspektiven in den Medien geben. So ist etwa die derzeitige Berichterstattung über Flucht und Asyl nicht selten durch einen paternalistischen Blick gekennzeichnet, der den geflüchteten Menschen zum Teil auch noch ein „Exoten“-Label aufklebt. Journalist*innen mit Einwanderungsgeschichte haben entweder selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, ein Land zu verlassen und woanders neu anzufangen, oder eine entsprechende Familiengeschichte – umso wertvoller sind ihre Stimmen für eine angemessene und ausgewogene Berichterstattung.

Einfach machen

Doch was tun, wenn sie einfach keinen Zugang in die klassischen Medienhäuser finden? „Selbst gründen“ lautete die Antwort, die der erste Workshop „Gute neue (Ethno)Medien machen“ gab. Und für „Ethnomedien“, die das klassische Klischee durchbrechen, gibt es genügend Beispiele. So stellten Danny Schuster und Wiebke Finkenwirth „renk.“ vor, das erste deutsch-türkische Online-Magazin mit den Schwerpunkten Design und Kultur. Mit ihm sollten „deutsch-türkische ‚Ausnahmeverhältnisse’“ aufgedeckt werden, so die Selbstbeschreibung der Website. Menschen und Themen jenseits der gängigen Klischees und nahe an der Zielgruppe sollten im Mittelpunkt stehen. Damit das gelinge, so Wiebke Finkenwirth, sei es wichtig, dass man sich mit Menschen zusammentue, die ein ähnliches Lebensgefühl hätten. Eine genaue Kenntnis der Zielgruppe sei ein weiteres wichtiges Kriterium – aus diesem Grund hat beispielsweise „das biber“, ein transkulturelles Magazin für neue Österreicher, umfassende Marktforschung betrieben, um das eigene Publikum genau kennenzulernen. Zudem veranstalten die Macher*innen Workshops, in denen Leser*innen zu Autor*innen ausgebildet werden. Das Ergebnis: „Ein Großteil der Autoren war vorher Leser“, fasste NdM-Mitglied Miguel Zamorano, der den Workshop leitete, zusammen.

Auch „correct!v“, das erste gemeinnützige Recherchezentrum Deutschlands, setzt auf die Einbindung der Leser*innen: Diese können sich bei Recherchen einbringen und werden zu Rechercheuren ausgebildet. „correct!v“ finanziert sich ausschließlich aus Spenden und will langfristig dabei vor allem auf regelmäßige Kleinspender*innen setzen. „das biber“ hingegen ist werbefinanziert – zwei unterschiedliche Konzepte zu einer Frage, die jede Gründung schnellstmöglich beantworten muss: Wie können eigene Medienprojekte finanziert werden? „Immer noch ist es eine Herausforderung, Werbetreibende für diesen bestimmten Bereich zu finden“, so Miguel Zamorano. Zudem sollte man möglichst genau wissen, wer die Leser*innen seien und wie ihre Bedürfnisse und Interessen aussähen. Vor allem aber, so der einhellige Rat aller vorgestellten Projektverantwortlichen, dürfe man keine Scheu vor Fehlern haben, sondern sollte stattdessen einfach machen.

Brücken bauen

Im zweiten Workshop „Geflüchtete Journalist*innen unterstützen“ berichteten die afghanische Rundfunkjournalistin Sharmila Hashimi und der syrische Journalist und Blogger Monis Bukhari von ihren Erfahrungen in Deutschland. Als Medienschaffende mussten sie damit umgehen, plötzlich ihre Hörer- bzw. Leserschaft zu verlieren. Obwohl sie ihre Kompetenzen auch hier anwenden wollten, erlebten sie, dass es den deutschen Medien an Vertrauen fehlt. „Dabei kommen gerade die Journalisten, die gut in ihrem Job waren“, betonte NdM-Vorsitzende Sheila Mysorekar. Denn gerade deswegen hätten sie ins Exil gemusst. „Sie sind Kollegen auf Augenhöhe“, so Mysorekar. Neben dem mangelnden Vertrauen seien die Sprache und die Finanzierung weitere Herausforderungen, zählte NdM-Mitglied Rebecca Sumy Roth, die den Workshop leitete, auf. Ein weiteres Problem, das nicht unterschätzt werden sollte, sei die Traumatisierung, unter der viele geflohene Journalist*innen litten, ergänzte Mike Jempson von der britischen Journalisten-Organisation „MediaWise“.

Die NdM könnten als Brücke zwischen den geflohenen Kolleg*innen und den Mainstream-Medien wirken, so eine Idee aus dem Workshop. Ein konkreter Vorschlag dafür war die entsprechende Weiterentwicklung des bereits bestehenden und sehr erfolgreichen Mentoring-Programms, zudem könnten die NdM spezielle Trainings für exilierte Journalist*innen anbieten.

Kritisch begleiten

Im dritten Workshop ging es schließlich um „Besser berichten über Flucht und Asyl“. So habe sich die Berichterstattung im Vergleich zu den 1990er Jahren verbessert – „Das Boot ist voll“ würde man (noch) nicht wieder hören, erklärte NdM-Mitglied Rana Göroglu vom Mediendienst Integration, die den Workshop leitete. Zudem würden Zahlen und Fakten genutzt, um Vorurteilen zu begegnen. Gleichzeitig aber führe die oft fehlende Einordnung dieser Zahlen – etwa bei Prognosen zur künftigen Zahl der Flüchtlinge in Deutschland – dazu, dass diese vermeintlich rationalen Informationen Angst machten. Zudem sei die Wortwahl zwar differenzierter, auf subtilere Art und Weise schafften inflationär benutzte Vokabeln wie „immer mehr“, „noch“ oder „nicht mehr“ aber einen Eindruck der Überforderung.

Im Workshop wurde zudem festgestellt, dass die Stimmung mit der über geflohene Menschen in Deutschland berichtet werde, immer schneller umschlage, wobei die Medien der Politik oft nur folgten, anstatt sie kritisch zu begleiten. „Es wird von Überforderung gesprochen, dabei geht es eigentlich um politisches Versagen“, kritisierte eine Workshop-Teilnehmerin.

Grundsätzlich sei mehr Differenzierung notwendig, so Göroglu, und das auf allen Ebenen. Dafür sollten die Redaktionen vielfältiger werden, um so eine Vogelperspektive auf die Geflüchteten zu vermeiden – und eine heterogene Gesellschaft selbstverständlich zu machen. Die NdM könnten in dem Zusammenhang Hilfestellungen für Redaktionen anbieten, die eine differenzierte Berichterstattung erleichterten und etwa die komplexe Asylgesetzgebung erklärten.

Die richtigen Worte finden

Eine weitere Hilfe für Redaktionen ist in diesem Zusammenhang das Glossar der NdM, dessen neueste und erweiterte Auflage bei der Bundeskonferenz vorgestellt wurde. Nicht nur zu „Flucht und Asyl“, sondern zu zentralen Themen der Einwanderungsgesellschaft sind hier Formulierungshilfen für die tägliche Redaktionsarbeit versammelt – und das seit der Bundeskonferenz nun auch in praktischer Digital-Form: als Online-Glossar oder Web-App.

Als Botschafterin für das Glossar konnten die NdM Jilet Ayse, „Alptraum ihrer Schwester und anderer Integrationsnutten“ gewinnen, deren Auftritt den Abendteil der Konferenz einläutete. Künftig werde Jilet Ayse in der YouTube-Videoreihe “Besser Deutsch” wöchentlich aus dem Glossar vorlesen, kündigte NdM-Geschäftsführerin Konstantina Vassiliou-Enz an.

Schon jetzt gebe es so viele Bestellungen für das Print-Glossar, dass die Hälfte der neu gedruckten Auflage bereits weg sei, konnte Vassiliou-Enz berichten – was gut ist, setzt sich eben durch.

In Kürze erscheint eine ausführliche Dokumentation der 2. NdM-Bundeskonferenz.

Alice Lanzke ist NdM-Mitglied und freie Journalistin.

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