“Es hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben”

17Aug2017

“Es hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben”

Interviews mit Teilnehmer*innen unseres Traineeprogramms

Ein Jahr lang wurden 25 Nachwuchsjournalist*innen mit Einwanderungsgeschichte und 25 Exilkolleg*innen von renommierten und erfahrenen Kolleg*innen im Rahmen eines Mentorings begleitet und unterstützt. Redaktionsbesuche bei der taz, Deutschlandfunk und SPIEGEL ONLINE, Seminare und etliche Veranstaltungen rundeten das einjährige Traineeprogramm ab.  Was haben die Teilnehmer*innen aus dieser Zeit mitgenommen? Fabian Scheuermann hat unabhängig voneinander zwei unserer Teilnehmer*innen interviewt:
Omid Rezaee, 27, ist freier Journalist und stammt aus dem Iran. Als Chefredakteur eines studentischen Magazins wurde er dort wegen seiner Veröffentlichungen zur grünen Bewegung zu einer Haftstrafe verurteilt, konnte aber im Dezember 2014 nach Deutschland fliehen. Rezaee veröffentlicht Artikel in verschiedenen deutschsprachigen Medien und baut seinen mehrsprachigen Blog auf.
Zsaklin Diana Macumba stammt aus Ungarn und kam im Alter von zehn Jahren nach Deutschland.  2016 hat sie für den Blog usa2016.at aus den USA über die Wahlen berichtet. Mit ihrem Feature “Schwarzösterreich” für “Radio Stimme – Die Sendung der Initiative Minderheiten” war sie für den “19. Österreichischen Radiopreis der Erwachsenenbildung” in der Kategorie “Bildung” nominiert.

 

Auf welche Hürden trifft man in Deutschland als Journalist*in mit Migrationsgeschichte?

Omid Rezaee: Ein Problem ist für mich die Sprache. Deutsch ist keine einfache Sprache, sie ist schwieriger als Englisch. Und es dauert ewig, bis man darin gut journalistisch schreiben kann. Und die Sprachkenntnisse hängen auch mit dem Selbstbewusstsein zusammen – auch weil es den Redaktionen an Vielfalt fehlt und die meisten Leute dort “biodeutsch” sind und fast alle aus der gleichen soziokulturellen Schicht kommen. Sie können sich dann oft auch nicht vorstellen, dass man doch gut auf Deutsch schreiben kann. Es ist schwierig, Aufträge zu bekommen. Und wenn, dann lässt man Journalisten mit Migrationshintergrund häufig nur über Migration berichten, es wird erwartet, dass die Themenvorschläge, die man bringt, mit Migration oder mit der “Heimat” zu tun haben. Das ist zum einen gut, denn wenn wenn etwas über Iran gemacht wird, dann hast Du als Iraner Vorrang. Es ist aber nicht gut, wenn die Erwartung da ist, dass man nur darüber schreiben kann. Ich lebe ja auch hier und das, was Deutsche betrifft, betrifft und interessiert mich auch.

Jackie Macumba: Ich habe da zum Glück keine negativen Erfahrungen gemacht. Es ist eher so wie eine gläserne Decke, die man sich teilweise selbst aufsetzt. Ich zum Beispiel habe schon mit sechzehn die „Zeit“ und den „Guardian“ gelesen und wusste damals schon, dass ich Journalistin werden will. Aber weil Deutsch meine Zweitsprache ist, habe ich mich das nicht getraut. Schon im Deutsch-Leistungskurs war ich schlechter als die Muttersprachler. Das hat dem Selbstvertrauen einen Knick gegeben. Und es gab damals auch noch keinen Mohamed Amjahid, der in der „Zeit“ viele Geschichten veröffentlicht und dessen Namen man dort nicht überlesen kann. Ich habe mich zum Teil also selber begrenzt und dann einen anderen Weg eingeschlagen und Politik und Film studiert. Der Journalismus hat mich aber nie losgelassen. Mit 30 habe ich dann das erste Praktikum beim Fernsehen gemacht und gewusst: Das ist es! Seitdem habe ich alles dafür getan, dass es klappt!

 

Wie kann das Traineeprogramm helfen?

Omid Rezaee: Ich dachte eine Zeitlang, dass es mir nicht gelingen wird, in Deutschland als Journalist zu arbeiten – bis ich das Traineeprogramm der Neuen deutschen Medienmacher gefunden habe. Hier geht es um Vielfalt. Es sind genau solche Programme, die wir als Journalisten mit Migrationshintergrund brauchen – und das ist es auch, was die Medien hier brauchen.

Jackie Macumba: Das Programm hat mir zunächst geholfen, Berührungsängste abzubauen. Ich hatte davor manchmal den Gedanken, dass ich vielleicht nicht gut genug bin, um es als Journalistin ins Fernsehen zu schaffen. Denn es gibt kaum Leute wie mich, die das machen. Beim Traineeprogramm in einer Gruppe von 50 Leuten zu sein, die alle das gleiche Ziel haben, war für mich ein Empowerment-Gefühl. Wir helfen uns gegenseitig, stehen in WhatsApp-Kontakt … das alles hat mir sehr, sehr viel Selbstbewusstsein gegeben. Und mir wurden im Rahmen des Programms neue Wege in den Journalismus aufgezeigt. Die Neuen deutschen Medienmacher schicken uns zum Beispiel E-Mails mit Praktikumsstellen, auf die wir uns bewerben können – so bin ich zu meinem Praktikum bei CNN in Berlin gekommen. Und wir hatten Workshops, etwa zum Thema Recherche und Redaktionsbesuche bei „Spiegel”, „taz“ und „Deutschlandfunk“. Beim „Deutschlandfunk“ habe ich mit dem Programmdirektor auf einem Podium gesessen und mit ihm diskutiert – das wurde live ins Internet übertragen. Unter anderem habe ich ihn gefragt, was er tut, damit beim Deutschlandfunk mehr Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Natürlich war ich aufgeregt, aber das war wieder ein Gefühl von Empowerment – zu sehen, dass ich mit dem Programmdirektor diskutieren kann. Und auch wenn sich nichts ändert: We made our point! Wir haben gezeigt: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

 

Teil des Programms ist ja die Zusammenarbeit mit Mentor*innen. Wie ist das bei Dir gelaufen?

Omid Rezaee: Mein Mentor Wolfgang Zügel – er war unter anderem Redakteur bei der taz und bei der Welt – hat viel Erfahrung. Trotzdem war da keine Hierarchie, sondern er war außergewöhnlich nett zu mir und wir wurden Freunde. Er war immer da, wenn ich Fragen hatte und er hat sie schnell und genau beantwortet. Er korrigiert auch alle Texte, die ich schreibe – auch die für meinen Blog perspective-iran.de, das hilft ganz konkret. Selbst der Lehrer aus meinem Deutschkurs war nicht so genau wie er. Er hat auch viel versucht, mich mit Medien in Kontakt zu bringen. So habe ich zum Beispiel einen Auftrag der taz bekommen und dort über die Wahl in Iran berichtet. Ohne meinen Mentor hätte ich weder den Blog noch vieles andere geschafft.

 Jackie Macumba: Mein Mentor ist in Köln und ich bin in Wien – deshalb telefonieren wir meistens und er nimmt sich immer viel Zeit. Tibet Sinha ist stellvertretender Leiter der Programmgruppe Europa und Ausland beim WDR und damit bin ich total glücklich, denn ich möchte selbst Auslandskorrespondentin werden. Im November war ich in den USA, um für ein österreichisches Online-Portal über die Wahlen zu berichten. Davor hat er mir Tipps gegeben, wie ich die Berichterstattung angehen könnte. Er betreut ja auch Korrespondenten, das war also perfekt für mich. Und dann konnte ich noch den Wahltag im Team der ARD-Korrespondentin Ina Ruck verbringen – von morgens 6.30 Uhr bis nachts um 4 Uhr. Und ich war bei Radiointerviews dabei. Tibet Sinha ist ein erfahrener Journalist und er kann meine Fragen kompetent beantworten. Und er hat mir gesagt: „Du kannst immer anrufen!“

 

Worin siehst Du Deinen Beitrag zur Medienlandschaft?

Omid Rezaee: Es ist egal, ob ich einen Migrationshintergrund habe oder nicht: Als Journalist ist es meine Aufgabe, die Wahrheit zu berichten. Ich möchte aber auch versuchen, ein anderes Bild von Iran zu zeigen und das in die Medien bringen. Das ist mir wichtig, denn ich finde, dass über das Land meist nur aus einer bestimmten Perspektive berichtet wird. Die ist nicht falsch, aber es ist eben nur eine Perspektive. Der Blick auf Iran ist oft orientalisch und exotisch. Das ist “Othering”. Viele Medien versuchen gar nicht wirklich, ihren Lesern oder Zuschauern das Land näher zu bringen. Wenn man in einer großen Redaktion ein Iran-Thema vorschlägt, merkt man an den Antworten, dass die Person, die dort für die Berichterstattung zuständig ist, kaum Ahnung von dem Land hat. Nur weil man Iranistik studiert und zwei oder drei Reisen dorthin gemacht hat, nennt man sich einen Irankenner. Der moderne Iran ist aber anders als das, was in vielen Medien steht. Man müsste mehr über den Alltag dort berichten, zeigen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Land 1997 und dem Land 2017. Der Wahlkampf in diesem Jahr lief zum Beispiel zu großen Teilen über den Messenger-Dienst Telegram, selbst meine Mutter hat sich dort informiert. Das Land hat sich verändert und verändert sich. Deshalb habe ich auch den Blog perspective-iran.de gestartet.

 Jackie Macumba: Die Medien brauchen mehr Diversität, weil sie die ganze Gesellschaft abdecken sollten. Journalisten mit Migrationshintergrund können helfen, Teile der Gesellschaft besser einzuordnen. Sie kennen andere Sprachen und Gepflogenheiten und können in ihrer Muttersprache arbeiten. Ich zum Beispiel kenne mich mit Ungarn sehr gut aus und beschäftige mich stark mit den Themen Migration und Integration – auch wenn mein Steckenpferd eigentlich die Themen Politik und Kultur sind. Ich finde da zwei Stichwörter wichtig: „visibility“ und „representation“. Als Journalistin mit Migrationshintergrund kann ich anderen zeigen: „Ich habe es geschafft – und ihr könnt das auch schaffen!“

 

Interview: Fabian Scheuermann

Categories

Comments