“Zeigt uns viele Facetten”: Diversity Workshop für lokale Journalist*innen und Medieninteressierte

17Nov2016

“Zeigt uns viele Facetten”: Diversity Workshop für lokale Journalist*innen und Medieninteressierte

Inwiefern gibt es Stereotype und Vorurteile in den deutschen Medien? Wie kann eine diskriminierungsfreie Berichterstattung aussehen? Und welche Bedeutung haben die sozialen Netzwerke dabei? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt eines zweitägigen Workshops, den die Neuen deutschen Medienmacher gemeinsam mit dem „Wendland-Institut für berufliche Bildung & Kommunikation“ am 11. und 12. November in Hitzacker anboten. Der Diversity Workshop richtete sich an lokale Journalist*innen und Medieninteressierte, die am Ende gemeinsam ein Print- und ein Online-Projekt erstellten. Im Rahmen des Online-Projekts verknüpften die Teilnehmer*innen Leitfragen, die der Workshop bei ihnen aufgeworfen hatte, mit assoziativen Bildern und rahmten das Ganze textlich ein. Für das Print-Projekt schrieben die Teilnehmenden einen Artikel für die örtliche Elbe-Jeetzel-Zeitung – die Ergebnisse finden Sie hier:

Online

 

Egal, ob wir passiv oder aktiv in den Medien unterwegs sind: Wir Menschen sind beeinflussbar und wir beeinflussen. Unsere Wahrnehmung ist nicht nur ein Ausschnitt dessen, was geschieht, sondern eine Für-Wahr-Nehmung, mit der wir fehlendes „ergänzen“, Beurteilungen hinzufügen und die Dinge verzerren.

An die Journalist*innen

Bitte:

Zeigt uns viele Facetten einer Geschichte.

Erklärt uns, ohne Gerüchte zu beleben.

Lasst auch Schönes spannend sein.

Helft uns durch Eure Worte selbst zu denken.

Schenkt uns Beispiele.

Stellt Eure eigene Angst zurück.

Verschleiert nicht.

Schenkt uns Zukunft, aber lasst uns die Lösung selber denken.

Benennt den richtigen Kontext.

Gebt Fakten, aber bitte keine Meinungen.

Überlegt erst, ob wir den Inhalt einer Geschichte brauchen.

Schont uns nicht.

Danke.

 

Wenn ich Texte schreibe …

Welches Anliegen habe ich? (Wie wird es deutlich?)

Bin ich mutig genug, meinen Kontext zu benennen?

Habe ich ein Gefühl dafür, für wen ich schreibe?

Welche Fakten habe ich? Welche Meinungen gibt es dazu?

Das heißt: Persönliche Geschichten erzählen (Anschaulichkeit, Identifikation)

Zukunftsorientiert schreiben

Vorsicht vor Schonung und Verschleierung

Vorsicht bei eigenen Ideologien, Überzeugungen, Vorurteilen.

Text: Henriette Ritschel & Horst Baumhauer

 

Print

Perspektivwechsel ist Teil guten Journalismus

Von Judith Christner und Kaja Mörseburg-Baumhauer

„Selbstzweifel ist der erste Schritt zum Fortschritt.“ An diese Worte von Sir Peter Ustinov erinnerte Pari Niemann während des Diversity-Workshops für lokale Journalist*innen und Medieninteressierte im Verdo in Hitzacker am 11. und 12. November. Der Workshop wurde vom Wendland-Institut für berufliche Bildung und Kommunikation e.V. in Zusammenarbeit mit dem Neue deutsche Medienmacher e.V. veranstaltet.

Und dieser Satz zog sich auch als Leitmotiv durch die zwei Seminartage, an denen sich zwölf Teilnehmende mit Sprache, Wahrnehmung und Medienanalyse befassten. Wichtige Zielsetzung der Veranstaltung war es, Medienschaffende wie Konsument*innen zu sensibilisieren, dass die Dinge nicht immer so sind, wie man sie sieht. Es lohnt sich zu fragen: Entgeht mir nicht vieles, wenn ich mich nur auf eine Sache konzentriere oder diese nur aus meiner eigenen Perspektive betrachte?

Selektive und ideologisch gefärbte Wahrnehmungen wurden den Teilnehmenden anhand kleiner Filmclips veranschaulicht und damit deren Selbstreflektion angeregt.

Die Journalistin Alice Lanzke von den Neuen deutschen Medienmachern machte in ihrem Vortrag anschaulich deutlich, wie stark in der Medienlandschaft mit vorgefassten Stereotypen, Wiederholungen, Angst-machenden Bildern und rhetorischen Eskalationen gearbeitet wird, um Stimmungen zu schüren oder bestehende Besorgnis zu verstärken, wobei überprüfbare Fakten häufig unter den Tisch fallen.

„Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis“

Am Ende des ersten Tages gab es eine lebhafte Diskussion mit Benjamin Piel, Redaktionsleiter der EJZ, und weiteren geladenen Teilnehmenden zum Thema: „Freie Presse, Lügenpresse, Lückenpresse? Journalistische Herausforderungen in der Einwanderungsgesellschaft“.

Zum Einstieg in die Diskussion bot Piel zwölf herausfordernde Thesen an, die seiner Meinung nach in der Berichterstattung zu berücksichtigen sind. Auch Piel stellte ein Zitat zur Diskussion: „Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis“, doch gleichzeitig meldete er selbst Zweifel an diesem Zitat an – ist nicht der Zweifel des einen oder anderen „besorgten Bürgers“ am Ende nur versteckter Rassismus? Wie ernst sind Ängste zu nehmen, die „besorgte Bürger“ äußern, wenn es um die vermeintliche „Überfremdung“ der Gesellschaft geht? Und wo bleiben die Ängste derer, die sich viel mehr vor den Entwicklungen der Gesellschaft in Richtung Rechtsextremismus und Rassismus fürchten?

Als Medienschaffende*r immer wieder den Perspektivwechsel im Auge zu haben, zu sehen, was die andere Seite fühlt und denkt, ist eine der großen Herausforderungen eines nicht-diskriminierenden Journalismus, so das Fazits des Abends.

Hass ist keine Meinung

Im Mittelpunkt des zweiten Tages stand die Medienanalyse einiger Online-Zeitungen sowie die Präsentation von Hasskommentaren in den sozialen Netzwerken, so genannte „Hate Speech“. Unter „Hate Speech“ werden gemeinhin Worte und Bilder bezeichnet, die als Waffen gegen einzelne Menschen oder Gruppen eingesetzt werden. Die gezeigten Beispiele lösten bei den Teilnehmenden Erschrecken bis Entsetzen aus und führten zur Frage, was dagegen zu tun sei. Hierzu bot Lanzke eine Reihe von Vorschlägen, angefangen von der konsequenten Hinterfragung aufgestellter Behauptungen bis hin zu kurzen humorvollen Clips, um ein Gegengewicht zu setzen und so genannte digitale Zivilcourage zu zeigen.

Gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und menschenfeindliche Äußerungen jeglicher Art müssen wir alle, sowohl real als auch digital, ein entschiedenes „Nein“ setzen – wir als Bürger*innen als auch die Journalist*innen. Hier setzte das Fazit des zweiten Workshops einen klaren Standpunkt: Hass ist keine Meinung.

Der Artikel erschien in gekürzter Form am 18.11.2016 in der Elbe-Jeetzel-Zeitung.

Hinweis:

Am 9. und 10. Dezember findet der zweite Teil des Diversity-Workshops statt, dann zum Thema Radio-Berichterstattung. Mehr Informationen dazu hier.

Categories

Comments