Dimension der Vielfalt: Die 1. Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher

17Nov2014

Dimension der Vielfalt: Die 1. Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher

Die NdM-Bundeskonferenz in Berlin brachte über 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Die Ausgangsfrage: Wie weit ist es mit der Vielfalt in den Medien gediehen? Und was muss noch passieren? Von Miguel Zamorano

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v.l. Bernd Ulrich, Mely Kiyak, Jan Fleischhauer, Ferda Ataman, Sheila Mysorekar, Simon Inou

 

Das mit der Toleranz ist immer so eine Sache. Eine praktizierende Muslimin kann diese schnell auf die Probe stellen. Auch dort, wo man einen Toleranztest nicht vermutet. Zum Beispiel in den Räumen einer liberalen Wochenzeitung. Es ist schon später Abend, als Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Politikressorts der Wochenzeitung Die Zeit, auf der Podiumsdiskussion der Bundeskonferenz der Neuen Deutschen Medienmacher (NdM) eine kleine Anekdote erzählt. Die Anwesenheit einer praktizierenden muslimischen Praktikantin, die in den Räumen der ZEIT beten wollte, so Ulrich, habe bei den Kollegen für Stirnrunzeln gesorgt. Wie das denn möglich sei.

Zuvor hatten die NdM aus Anlass ihres fünfjährigen Bestehens zu ihrer ersten Bundeskonferenz eingeladen. Das Motto: Die grauen Zeiten sind vorbei! Die NdM wollten mit den Teilnehmenden über die Frage diskutieren: Was hat sich in den fünf Jahren, seit es die NdM gibt, in den deutschen Redaktionen geändert: beim Wording und bei der Förderung von Nachwuchskollegen aus Einwandererfamilien? Was muss sich noch ändern, damit sich die Vielfalt der deutschen Gesellschaft auch in den deutschen Medien widerspiegelt? Über 80 Teilnehmer kamen dazu am 15. November 2014 ins Palais Podewil in der Berliner Klostertraße zusammen.

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Podewil

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Willkommen zur Bundeskonferenz


 

 

 

 

 

 

 

Ein erster Ansatz: Andere Dimensionen der Vielfalt müssen mitberücksichtigt werden. Zum Beispiel „Geschlecht“. Der Workshop „Die neue deutsche Medienmacherin“ ging auf diesen Aspekt ein. Pari Niemann gab zu bedenken, dass Journalisten gegenüber Rassismus und Sexismus gleichermaßen aufmerksam sein sollten. „Als Medienmacher haben wir auch die Verantwortung, die Sensibilität für Themen zu kultivieren, die sonst kaum angesprochen werden“, fasste später die Workshop-Leiterin und NdM-Mitglied Dena Kelishadi das Ergebnis zusammen.

Brauchen wir die Migrantenquote?

Frauen als auch Migranten – beide Gruppen sind in den deutschen Medien trotz einzelner Ausnahmen immer noch unterrepräsentiert. Auch wenn das Thema seit längerem auf der Agenda steht, sind Inhalte und Gesichter immer noch zu stark an den Bedürfnissen und an den Gewohnheiten der Mehrheitsbevölkerung ausgerichtet. Sollten wir daher eine Quote für Journalisten mit Migrationshintergrund einfordern, so wie etwa Pro-Quote für Frauen in den Chefetagen der Medienhäuser fordert?

In einem der Workshops wurde darüber leidenschaftlich diskutiert – ohne eine konkrete Empfehlung auszusprechen. Denn schließlich herrscht auch der Wunsch vor, sich als Journalist mit Migrationshintergrund auch Themen zu widmen, die nichts mit dem Herkunftsland der Eltern oder Integrationsfragen zu tun haben. Diesen Wunsch brachte Mely Kiyak später auf der Podiumsdiskussion zum Ausdruck: „Ich möchte nicht über Buschkowsky und Cem Özdemir schreiben müssen“.

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Mely Kiyak

 

Allerdings bleibt dann ein Problem bei vielen Redaktionen in Deutschland ungelöst; etwa dann, wenn es darum geht, Themen zu besetzen, die ein (nicht kleinen) Teil der deutschen Gesellschaft betreffen. Wenn beispielsweise ein türkischer Präsident in Berlin eine Rede hält, und Agenturen und Blätter ihre Mühe haben, jemand zur Berichterstattung dorthin zu schicken. „Warum soll dann ein Journalist mit türkischer Herkunft nicht seine Kompetenz nützen können?“, wurde in dem Workshop „Neuer deutscher Nachwuchs“ gefragt. Diese Kompetenz kann sich allerdings auch ein deutscher Journalist aneignen.

Eine Baustelle: Der Nachwuchs

Zumal viele Kinder aus Migrantenfamilien überhaupt nicht in den Beruf finden. Sei es weil viele Medienhäuser diese Gruppe nicht gezielt ansprechen oder – auch das wurde thematisiert – Migrantenfamilien vermeintlich eher Wert darauf legen, dass ihre Kinder Ingenieure, Rechtsanwälte oder Ärzte werden. Berufe, in denen die Aussichten, nachhaltig Geld zu verdienen, besser sind. Das Problem dürfte mit Blick auf die strukturellen Herausforderungen, vor denen die gesamte Medienbranche steht, künftig nicht kleiner werden. Die NdM fördern im Übrigen Nachwuchskollegen aus Einwandererfamilien – mit einem MENTORING-PROGRAMM  als auch einer Ausbildung in Zusammenarbeit mit dem BILDUNGSWERK KREUZBERG.

„Wir brauchen Redaktionen, die mindestens so spannend sind, wie die Welt da draußen“, sagte Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, während der abschließenden Podiumsdiskussion, auf der auch die Journalistin Mely Kiyak, der Spiegel-Online Kolumnist Jan Fleischhauer, Simon Inou von M-Media Austria und NdM-Vorstandsvorsitzende Sheila Mysorekar die Themen des Nachmittags in einer unterhaltsamen Diskussion weiterführten.

Natürlich durfte in diesem Zusammenhang auch nicht der Verweis auf die ARD-Themenwoche fehlen, die eine Woche lang die Gemüter im Land erhitzt hatte. Mely Kiyak sagte diesbezüglich: „Ich stehe hinter der Themenwochen der ARD. Sie ist für Hildegard und Herbert gemacht.“ Ulrich warf berechtigterweise ein: „Die Toleranzwoche richtet sich auch an Aische und Achmed. Auch sie haben manchmal Vorbehalte gegen Homosexuelle.“

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Baha Güngör

 

Unterhaltsam war der Abend auch deshalb, weil Baha Güngör kurz aus dem Nähkästchen plauderte. Der Leiter der türkischen Redaktion bei der Deutschen Welle erzählte wie es war, in den späten 1970er Jahren als erster Volontär aus einer türkischen Familie bei der Kölnischen Rundschau zu arbeiten. Seine „Türkeiexpertise“ brachten Güngör in die zwiespältige Position eines „Experten für zwischenmenschliche Beziehungen“. Eine Kostprobe – Güngör wurde von Kollegen angesprochen: „Meine Tochter will ‘nen Türken heiraten. Können sie ihr das ausreden?“

NdM stellen Glossar vor

Wie also richtig schreiben – über die Anderen? Über den Jungen mit türkischer Mutter und arabischem Vater? Wie über die gläubige Muslimin? Und was ist mit dem hier geborenen Teenie, dessen Eltern aus Kenia stammen? Welche Begriffe sind richtig und angemessen?

Die NdM haben daher auf ihrer Bundeskonferenz einen Leitfaden veröffentlicht, der dabei helfen soll, wie Medien die neuen deutschen Bürger nennen können. Das hier geborene Kind mit Eltern aus Kenia? Schwarzer Deutscher. Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland? Ist missverständlich, präziser ist: die Mehrheitsbevölkerung.

Das GLOSSAR ist seit dem 15. November auf unserer Webseite zu finden und wird bald in gedruckter Fassung, sowie als Web-Glossar und als Glossar-App vorliegen. NdM-Geschäftsführerin Konstantina Vassiliou-Enz gab den Anwesenden folgende Empfehlung mit auf dem Weg: „Wir wünschen uns, dass das Glossar in allen deutschen Redaktionen genutzt wird“.

In Kürze erscheint eine ausführliche Dokumentation der NdM-Bundeskonferenz.

Miguel Zamorano ist NdM-Mitglied, freier Journalist und hat auf der Bundeskonferenz für die NdM getwittert.

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