Christliche Bombenattentäter und arabische Yogalehrer

20Mai2014

Christliche Bombenattentäter und arabische Yogalehrer

Von Sheila Mysorekar

Nehmen wir mal an, wir wären in Botswana, im Haus einer Familie vom Volk der Khoi. Im Kinderzimmer liegen Kleider und Spielzeug auf dem Boden, und die Mutter schimpft mit den Kindern: „Jetzt räumt endlich mal auf, hier sieht’s ja aus wie bei den Deutschen!“

Blödes Gefühl? Beleidigt? Sich ungerecht behandelt gefühlt? Ja, und mit Recht. Natürlich ist das unfair. Deutsche sind ja ordentlich! Andere Leute hingegen sind unordentlicher als wir, so etwa die Khoi – vielleicht kennen Sie dieses Volk unter anderem Namen, aber mit der gleichen Redensart: „Hier sieht’s ja aus wie bei den Hottentotten!“ Hat Ihre Mutter bestimmt auch früher gesagt. Oder vielleicht auch: „Die hausen wie die Hunnen.“ Eine Redensart, die die Hunnen – wenn es sie noch gäbe – eher so nicht stehen lassen möchten.
So lernt man Stereotypen. Nämlich ohne dass man es merkt.

Stereotypen ordnen Völkern/Hautfarben/Geschlechtern/etc. Eigenschaften zu, in der Regel meist negative. Diese Stereotypen hört man von frühester Kindheit an, und sie werden dadurch ganz selbstverständlich akzeptiert. Zum Beispiel haben die meisten kleinen Jungen – wenn sie aus irgendeinem Grund in Tränen ausbrachen – wahlweise gesagt bekommen: „Heul nicht wie ein Mädchen“ oder „Indianer weinen nicht“. Damit werden einem kleinen (weißen deutschen) Jungen gleich zwei Stereotype vermittelt:
a) Mädchen sind wehleidig, und
b) Indianer ertragen Schmerzen, ohne zu klagen.
Schlaue kleine Jungs stellen sich dann die Frage, was indianische Mädchen eigentlich machen – heulen wie Mädchen, oder nicht heulen wie Indianer…?

Diese Stereotypen ordnen unser Leben, ohne dass wir es merken. Sie bestimmen unser Bild über Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Heterosexuelle und Schwule/Lesben und so weiter. Selbst wenn wir nie sagen würden, „klaut wie ein Zigeuner“ oder „faul wie ein Neger“, dann haben wir das so oft gehört im Laufe unserer Kindheit, von Eltern oder Nachbarn, in der Zeitung, im Fernsehen, in Büchern, dass uns gar nichts auffällt, wenn diese Stereotypen uns in anderer Form wieder begegnen. Zum Beispiel, wenn in der Presse rumänische Roma als kriminell bezeichnet werden – es wundert uns nicht und wir hinterfragen diese Aussage nicht, denn es bestätigt nur ein Stereotyp, das wir schon von Kindheit an kennen.

Nun kommt oft der Einwand, es sei ja ganz natürlich, verschiedene Kulturen an ihren Besonderheiten festzumachen. Ja, schon richtig. Aber die Eigenschaften, die mit den verschiedenen Kulturen verbunden werden, haben eine klare Hierarchie. Manche werden mit positiven Eigenschaften belegt, manche mit negativen. Deutsche sind pünktlich und arbeitsam, Schweizer konservativ, Amerikaner freiheitsliebend, Franzosen gute Liebhaber, Engländer schrullig, Japaner geduldig, und ab da geht es bergab. Russen saufen, Griechen können nicht rechnen, Italiener sind arbeitsscheu, Rumänen betrügerisch, Türken rückständig, Araber frauenfeindlich. Der Rest der Welt wird nicht mal mehr in Länder unterschieden: Lateinamerikaner sind Hallodris, Afrikaner faul, Asiaten undurchdringlich.

So extrem formuliert treffen wir diese Stereotypen – außer in der BILD – selten an, aber in nett verpackter Form durchaus: Zum Beispiel waren während der jüngsten Finanzkrise Island und Irland als erste europäische Länder pleite, aber die gesamte deutsche Presse schoss sich auf die “Südländer“ ein. Griechen und Spanier, die faul in der Sonne liegen, ihre Steuern nicht bezahlen, und wir müssen dann deren maroden Staatshaushalt sanieren. Nein, so geht das nicht. Die müssen endlich sparen lernen und so hart arbeiten wie wir! Von faulen Isländern, die arbeitsscheu im Schnee umherstapfen, war nicht die Rede.

Bisher hat dieser Text ‚wir’ gesagt – „wir kennen Stereotypen von Kindheit an“, „wir haben das oft gehört“ etc. Aber wer ist eigentlich Wir? Weiße deutsche Männer denken in der Regel gar nicht darüber nach, sondern nehmen selbstverständlich an, dass sie gemeint sind. Sie sind ja die Mehrheit, sie sind ‚normal’. Alle anderen sind Minderheiten, also nicht normal, und deswegen muss man das dazusagen. (Obwohl Frauen ja genau genommen die Mehrheit sind, aber lassen wir das.)

Was als ‚normal’ gilt, merkt man zum Beispiel, wenn man ‚Fußballspieler’ sagt: da denkt man an einen weißen Spieler. Erst wenn man ‚schwarzer Fußballspieler’ hört, wird klar, dass das einfache Wort ‚Fußballspieler’ gar nicht neutral ist, sondern in Deutschland ‚weißer Spieler’ bedeutet. Nun können Sie sagen, ja klar, die sind ja auch die Mehrheit. Richtig (obwohl das auch nicht mehr bei allen Vereinen zutrifft). Trotzdem ist die Frage wichtig, bei welchen Worten in der vorgeblich neutralen Bezeichnung impliziert ist, dass es sich um einen Weißen handelt, und wann es impliziert ist, dass die Person nicht-weiß ist oder Migrationsgeschichte hat. Zum Beispiel das Wort ‚Wissenschaftler’. Denken Sie da spontan an einen Weißen oder an einen Schwarzen? Na?
Oder das Wort ‚Klaukinder’. Mal ganz ehrlich: Denken Sie da an den kleinen blonden Lars-Olav oder die blauäugige Charlotte? Nein, natürlich nicht. Sie denken an ‚Zigeunerkinder’. Denn Lars-Olav und Charlotte würden nie klauen gehen. Irgendwelche Romakinder hingegen schon.
Genau das sind Stereotypen.

Bestimmte Kulturen oder Hautfarben werden mit negativen Eigenschaften belegt, einem Stigma – Faulheit, Unehrlichkeit, Dummheit, Rückständigkeit -, und das ist für schwarze Deutsche, beziehungsweise Deutsche mit Migrationsgeschichte oder Angehörige dieser Kulturen, die in Deutschland leben, äußerst schwierig. Egal, wie angepasst und unauffällig und ‚deutsch’ man lebt, allein Name oder Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit stellen einen in eine bestimmte Ecke. Und da kommt man nicht mehr raus.

Betroffene entwickeln ein sogenanntes Stigma-Management; das heißt, sie wissen genau, was ihr weißes Gegenüber von ihnen annimmt, denn sie sind ja ebenfalls mit den vorherrschenden Stereotypen aufgewachsen. Also müssen sie permanent mit den negativen Erwartungen der weißen Deutschen umgehen, die sie als Vertreter/in einer bestimmten Volksgruppe oder Kultur auferlegt bekommen. Sie sind praktisch auf einer lebenslangen Mission, negative Stereotype widerlegen zu müssen. Auf Dauer ist das verdammt anstrengend.

Diese negativen Stereotypen, mit denen Menschen, Hautfarben, Völker, Religionen oder Kulturen belegt werden, sind rassistisch. Oh nein, schreien weiße Deutsche auf, Rassismus, das ist doch was ganz anderes, nämlich wenn Menschen umgebracht werden, also zur Nazizeit. Wir reden doch hier lediglich von Vorurteilen!
So einfach ist es nicht. Wenn aufgrund rassistischer Überzeugungen Menschen getötet werden, ist das bereits das Ende der Skala. Am Anfang der Skala stehen vermeintlich harmlose Vorurteile.

Die Publizistin Noah Sow schreibt dazu – Augenblick mal, wenn man ‚Publizistin’ sagt, dann denken Sie wieder, Schriftsteller sind doch Weiße, und überlegen sich dann, woher jemand mit dem Namen ‚Noah Sow’ eigentlich kommt, und dass ‚Noah’ doch eigentlich ein Männername ist -, also, die afrodeutsche Publizistin Noah Sow schreibt dazu:

„Um rassistisches Gedankengut zu beherbergen, muss man kein prügelnder Neonazi sein. In der Mehrzahl geht Rassismus von Leuten aus, die viel Unsinn, den ihnen ihr Umfeld/die Schule/die Öffentlichkeit beigebracht und eingeredet hat, noch nicht unter Einsatz von Logik selbst hinterfragt haben. Die uncoole Wahrheit ist: kein Mensch ist ganz frei von -ismen. Rassismus heißt nicht, eine bestimmte “Rasse” zu “hassen”, sondern unter anderem:
– zu glauben, dass Menschen wegen ihrer biologisch-geografischen Herkunft “angeboren” oder “naturgemäß” über spezifische Vorlieben, Talente, Neigungen oder Charakter-Eigenschaften verfügen
– so zu handeln, dass dadurch objektiv Angehörige diskriminierter kultureller Minderheiten dadurch Schaden oder Nachteile erfahren.“
(aus: der braune mob e.V.)
(http://www.derbraunemob.info/)

Diese Dinge werden über viele Wege schon an Kinder vermittelt, wenn sie aufwachsen. Da der gesellschaftliche Diskurs in Deutschland (beziehungsweise in ganz Europa und noch darüber hinaus) von Weißen bestimmt wird, insbesondere von weißen Männern, die auch die politische und wirtschaftliche Macht haben, ist es leicht, diese Stereotypen als ‚Normalität’ zu verkaufen. Der weiße Blickwinkel wird durch das Machtgefälle als der ‚neutrale’ Blick definiert. Dadurch werden die Vorurteile zur Norm. Ethnische, kulturelle oder religiöse Minderheiten müssen permanent gegen diese Normen ankämpfen, die ihre Hautfarbe, Kultur oder Religion als minderwertig definieren. Griechen müssen zeigen, dass sie arbeitsam sind; afrikanische Männer müssen glaubhaft machen, dass sie nicht nur an Sex interessiert sind; arabische Frauen müssen beweisen, dass sie nicht unterdrückt sind.
Aber auch ‚positive’ Vorurteile sind nicht besonders angenehm: Rechenschwache Inder müssen dauernd erklären, warum sie zwar indisch, aber dennoch keine Computergenies sind…

Dazu nochmal Noah Sow: „Rassismus ist unter anderem:
– zu ignorieren, dass unsere Gesellschaft weiße Menschen strukturell und institutionell stark bevorzugt, und dadurch das eigene weiße Privileg zu leugnen.
Rassismus hat so an sich, dass ihn vor allem diejenigen bemerken, die davon betroffen sind. Falls weiße Deutsche Rassismus an sich selbst nicht ständig erfahren, dann ist das sehr erfreulich für sie, heißt aber nicht, dass es ihn nicht oder nur selten gäbe, sondern nur, dass sie ihn nicht mitbekommen (möchten), weil sie nicht die Zielscheibe sind und sich bislang nicht wirklich dafür interessiert haben.
Kein Mensch ist dagegen immun, Vorurteile und bescheuerte Verhaltensweisen aufzunehmen, die durch unsere Gesellschaft beständig serviert und bestätigt werden. Oft liegt Unwissenheit über eigenes rassistisches Verhalten an Wissenslücken. Wer beispielsweise nie gesagt bekommen hat, dass und warum bestimmte Ausdrücke Beleidigungen sind, mag sich selbst nicht für rassistisch halten, das ändert aber nichts daran dass es jedes Mal objektiv rassistisches Verhalten ist, wenn beleidigende Ausdrücke verwendet werden.
Oft ist auch rassistische Sozialisierung schuld; viele möchten das Privileg nicht aufgeben, trotz Wissenslücken bei jedem Diskurs die Oberhand zu behalten, sich die eigene Meinung als ‚neutral’ einbilden zu können, oder das Selbstbenennungsrecht von Menschen, die nicht weiß sind, ignorieren zu dürfen.“
(aus: der braune mob e.V.)
(http://www.derbraunemob.info/)

Jetzt sagen sich viele: Wie, Privilegien? Ich habe doch keine Privilegien! Ich habe nur wenig Geld, oder: Ich bin eine Frau, oder: Ich komme aus dem Osten.
Natürlich haben die wenigsten Deutschen sichtbare Privilegien wie einen dicken Mercedes oder geerbte Millionen auf dem Konto oder eine Position im Aufsichtsrat einer großen Firma. Aber sie haben strukturelle Vorteile, einfach dadurch, dass sie Weiße sind.

Peggy McIntosh hat einen einfachen Privilegien-Test für Weiße gemacht. Schauen Sie ihn mal durch und kreuzen ganz ehrlich an, was für Sie zutrifft:
– „Wenn ich mich um einen Job bewerbe, denke ich nicht darüber nach, ob mein Weißsein für die Auswahl eine Rolle spielt.
– Ich kann ein teures Auto fahren, ohne dass ich für kriminell gehalten werde.
– Ich kann einkaufen gehen, ohne dass mir ein Kaufhausdetektiv misstrauisch folgt.
– Wenn ich Make-Up mit der Farbe „naturell“ kaufe, oder einen Buntstift in „Hautfarbe“, kann ich ziemlich sicher sein, dass die Farbe meiner Hautfarbe ähnlich ist.
– Bei Wochenendausflügen muss ich mir nicht aufgrund meines Weißseins überlegen an welchen Ort ich fahre.
– Wenn ich den Fernseher einschalte, sehe ich weiße Personen, die Namen und Berufe haben und alle sozialen ökonomischen Positionen einnehmen. Ihre Repräsentation ist vielfältig und nicht stereotypisiert.
– Wenn ich meine Zukunft plane, stellt mein Weißsein keine Barriere dar.
– Auf dem Wohnungsmarkt ist mein Weißsein kein Hindernis.
– Wenn es um Themen wie Fortschritt, Entwicklung oder Moderne geht, habe ich gelernt, dass dies ein Verdienst weißer Menschen ist.
– Wenn ich von der Polizei angehalten werde dann ist mein Weißsein nicht der Grund dafür.“
(vgl. Peggy McIntosh 1990: White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack)

All das sind Dinge, die Weiße für selbstverständlich nehmen, die es aber für schwarze Deutsche oder ethnische Minderheiten in Deutschland nicht sind. Schwierigkeiten im Alltag, zum Beispiel bei der Bewerbung um einen Job, sind eine Folge der Stereotypisierung von Menschen.

Viele der gängigen Vorurteile werden in den Medien aufgegriffen und weiter vertieft. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, in der eine Mutter sagt: „Hier sieht’s ja aus wie bei den Hottentotten!“, schreiben Zeitungen beispielsweise, dass die schleichende Islamisierung unsere Grundwerte ins Wanken bringe. Übersetzt heißt das: Je mehr rückständige, fanatische Moslems – in der Form von Türken – in Deutschland leben, umso mehr sind Freiheit und Gleichheit bedroht, Pünktlichkeit und Ordnung sowieso.
Viele Leute sagen: Aber das ist doch wahr! Da muss man sich doch nur mal diese Taliban/Scheichs/Selbstmordattentäter ansehen! Das wollen wir hier doch nicht haben!
Nein, natürlich will das keiner hier haben. Die türkischen Deutschen wollen das übrigens auch nicht. Sie haben ja auch gar nichts damit zu tun.
Nur zum Vergleich: Wie viele Christen haben Mord und Bombenattentate in Nordirland unterstützt? Kaum jemand. Christliche Deutsche hätten sich empört dagegen verwahrt, wenn man sie – als Christen – für die Bombenattentate der christlichen IRA-Kämpfer in Nordirland verantwortlich gemacht hätte. Aber bei muslimischen Menschen wird das selbstverständlich verlangt – sie sollen sich jederzeit erklären und entschuldigen, wenn irgendwo auf der Welt muslimische Selbstmordattentäter ein Verbrechen begehen. Außer, dass sie zufällig dieselbe Religion teilen, haben muslimische Türken in Deutschland jedoch mit einem irakischen Selbstmordattentäter rein gar nichts zu tun. Ebenso wenig, wie christliche Deutsche mit christlichen Bombenwerfern in Nordirland zu tun haben. Oder normale, durchschnittliche Italiener mit der Mafia. Oder normale, durchschnittliche Rumänen mit Betrügereien. Oder normale, durchschnittliche Sinti und Roma mit Diebstählen.

Journalist/innen (und andere Menschen) wehren sich oft mit dem Argument, es sei ja einfach ‚die Wahrheit’, dass es polnische Autodiebe und thailändische Prostituierte gäbe. Ja, die gibt es. Aber die Zauberworte in der medialen Darstellung heißen ‚Vielfältigkeit’ und ‚Kontext’: Sicherlich kann man über polnische Autodiebe berichten. Aber bitte auch über polnische Wissenschaftlerinnen und polnische Kleingärtner. Das heißt, indem über ein bestimmtes Volk oder eine ethnische Gruppe möglichst vielfältig berichtet und ein weites, kontrastreiches Bild gezeichnet wird, arbeitet man einer Stereotypisierung entgegen. Da kann in einer Sendung gut und gerne ein polnischer Autodieb dabei sein, aber wenn dann auch eine polnische Lehrerin vorkommt oder ein polnischer Papst, dann ist das Bild der Polen differenziert dargestellt. Also alles in Ordnung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kontextualisierung des Dargestellten. Natürlich kann und muss über thailändische Prostituierte berichtet werden. Aber der Kontext der Sexarbeiterinnen ist wichtig – wie sind sie zu diesem Beruf gekommen, was ist der soziale und politische Kontext, was sagen sie selber dazu, und so weiter. Und auch hier ist eine differenzierte, vielfältige Berichterstattung wichtig: Die nächste Sendung sollte dann zur Abwechslung mal von thailändischen Sportlerinnen oder Computertechnikerinnen handeln, zum Beispiel.

Aber leider ist das selten. Zu oft werden in den Medien altbekannte Stereotypen wiederholt – zum hundertsten Mal ein arabischer Attentäter, aber keinmal ein arabischer Yogalehrer. Zum hundertsten Mal ein philippinisches Dienstmädchen, aber keinmal eine philippinische Pilotin.
Dies verfestigt die Vorurteile, mit denen weiße Menschen in Deutschland ohnehin aufwachsen. Aber man kann dies durchbrechen. Es gibt immer die Möglichkeit, bewusst zu hinterfragen, ob die Annahmen über andere Völker oder Religionen eigentlich auf Tatsachen beruhen, oder ob man durch eine bestimmte, negative Erwartungshaltung auch nur bestimmte Dinge wahrnimmt. Es gibt Bücher und Websites zu diesem Thema. Jede/r Weiße kann aufmerksam zuhören, wenn Angehörige ethnischer, kultureller oder religiöser Minderheiten in diesem Lande von ihren Schwierigkeiten mit Vorurteilen berichten. Und sich fragen, ob und an welcher Stelle man es besser machen kann. Und das Wichtigste: Jede/r Weiße kann sich erst einmal klar machen, dass er oder sie weiß ist, und nicht einfach normal. Denn – so simpel ist das – für einen Schwarzen ist Schwarzsein normal. Mit dem Weißsein kommen bestimmte Privilegien, die so selbstverständlich sind, dass sie niemandem mehr auffallen – außer man ist kein Weißer. Doch darüber zu lernen, und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, ist für jede/n möglich.

Vor vierzig Jahren wurden Frauenrechtlerinnen von den Männern (und von manchen Frauen) belächelt. Heute sind viele der damaligen Forderungen nach Gleichstellung der Frau eine Selbstverständlichkeit. Ebenso wird es mit ethnischer Vielfalt und antirassistischer Politik gehen – was heute noch der vorurteilsbehaftete Umgang mit den ‚Anderen’ ist, wird bald eine selbstverständliche ethnische und kulturelle Diversität in Schulen und Betrieben sein. Wenn Deutschland in einer globalisierten Welt nicht den Anschluss verlieren möchte, dann steht ein positiver Umgang mit Diversität ganz oben auf der Liste.

Beitrag von Sheila Mysorekar (NdM-Vorsitzende) im Dossier “VIELFALT ERKENNEN. Strategien für einen sensiblen Umgang mit unbewussten Vorurteilen” der Charta der Vielfalt, erschienen am 20.05.2014

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