Aufruf: Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen

15Mrz2012

Aufruf: Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen

Aufruf der Neuen Deutschen Medienmacher
15. März 2012

„Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen – kein Thema für Deutschlands Medien?“

Der aktuell veröffentlichte „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund haben der Republik einmal mehr vor Augen geführt, dass die soziale Herkunft eines Kindes erheblichen Einfluss darauf hat, ob es nach der Grundschule in Deutschland auf ein Gymnasium geht oder nicht, oder ob es gar auf der Förderschule landet und abgehängt wird. Was dabei oft nur als ein Aspekt zur Sprache kommt und selten explizit skandalisiert wird: Kinder mit ausländischer Herkunft sind davon besonders und seit langem betroffen. Wir möchten daher als Neue Deutsche Medienmacher dazu aufrufen, diesen lautlosen, alltäglichen Skandal in unserem Land nicht einmal mehr in der Schublade verschwinden zu lassen – die institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulwesen.

Worum es uns geht: Kinder aus Einwanderer- und Arbeiterfamilien werden in Deutschland oftmals trotz guter Noten auf Haupt- und Sonderschulen geschickt, die ihre Chancen auf ein erfolgreiches Leben deutlich mindern. Die Pisa-Studie 2009 belegte bereits, dass Einwandererkinder bei vergleichbarer Leistung eine vier- bis fünfmal geringere Chance haben, eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, als Kinder aus deutschen Familien. Ein Beispiel aus der Praxis: Der heute 20-jährigen Sara Pias aus Wuppertal wurde nach der Grundschule die Hauptschule empfohlen. Erst nach drei Schulwechseln schaffte die Tochter einer italienischen Arbeiterfamilie das Abitur – viele Eltern sind nicht so hartnäckig. Saras Erfahrung mit struktureller Diskriminierung ist einer von vielen Fällen. Sie passieren auch heute tagtäglich, sie sind mitverantwortlich für die Bildungsmisere, doch ihnen fehlt die angemessene Publizität.

Dass bei der Benachteiligung die ethnische Herkunft eine Rolle spielt, belegte auch der Befund des Nationalen Bildungsberichts, der konstatiert, dass Einwandererkinder selbst bei gleichem sozioökonomischen Status doppelt so häufig an Hauptschulen zu finden sind wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Bildungsforscher wie Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke haben vielfach nachgewiesen, dass diese Diskriminierung Teil des derzeitigen Schulsystems ist. Lehrkräfte, die sich dem entgegen stellen, bekommen Probleme. So wurde die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny strafversetzt, weil ihre Schüler zu gut in Mathematik waren und zu wenige an die Hauptschule empfohlen werden konnten. Jeder weiß es, kaum jemand spricht es offen aus: Die Kinder, die diese Schulform „befüllen“ sollen, sind meist Einwandererkinder.

Die Vereinten Nationen kritisieren Deutschland für die systematischen Benachteiligungen aufgrund der frühen Selektion. Es handelt sich hier um die Verletzung eines Menschenrechts – des Rechts auf Bildung. Dabei handelt es sich nicht um ein Randgruppenthema: Fast jeder dritte Jugendliche in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.

Umso unverständlicher ist es, dass darüber in Deutschland nicht angemessen berichtet wird. Auch nach den Ergebnissen der PISA-Tests ging es in der Berichterstattung meist eher um das Aufholen in einzelnen Kompetenzen und nicht um die strukturelle Benachteiligung. Sicher, es gibt auch zu diesem Thema vereinzelt Beiträge und Artikel. Aber ganz im Gegensatz zu seiner Bedeutung findet dieses Thema in den Medienformaten, die die öffentliche Debatte prägen, faktisch nicht statt.

In den vergangenen Jahren hat kein einziges der politischen Talk-TV-Magazine die beschriebene Diskriminierung von Einwandererkindern im Schulsystem explizit zum Thema gemacht. Gleichwohl stand etwa das Thema „Integrationsverweigerer“ mehrfach im Fokus, ebenso wie Sendungen zur Frage, wie viele Einwanderer respektive „Islam“ Deutschland vertrage. War Bildung das Thema, wurde gefragt, ob die Jugend „dumm“ (Maybrit Illner) oder „zu doof“ (Anne Will) sei. Ähnliches gilt auch für die Titelgeschichten der auflagenstärksten Printmagazine und Zeitungen. Gerade bei den meinungsbildenden Leitmedien ist diese Einseitigkeit bei der Themensetzung nicht hinzunehmen und mehr journalistische Ausgewogenheit gefragt.

Wir wollen dazu aufrufen, dieses Thema, das Einwanderer und ihre Nachkommen in Deutschland aber auch die Gesamtgesellschaft existenziell betrifft, nicht mehr zu vernachlässigen. Wir sprechen dabei auch aus eigener Erfahrung, denn vielen von uns, die wir diesen Aufruf unterzeichnen, wurde fälschlicherweise auch nicht zugetraut, das Abitur zu machen und zu studieren. Wir fordern daher die Programm und Blattmacher_innen, die Chefredaktionen und Sendeanstalten, Wochenmagazine und Tageszeitungen auf, diesen Missstand im Jahr 2012 als ein Schwerpunktthema zu setzen. Die Neuen Deutschen Medienmacher, eine Initiative von 400 Journalistinnen, Journalisten und Medienschaffenden mit Migrationshintergrund, bieten an, dabei ihr spezifisches Wissen und ihre journalistische Kompetenz einzubringen.

Info & Kontakt zum Aufruf:
Neue Deutsche Medienmacher e.V.
Miltiadis Oulios & Tina Adomako Geschäftsstelle:
Goltzstraße 39, D – 10781 Berlin
030 – 219 17 421
info@neuemedienmacher.de
www.neuemedienmacher.de

UnterzeichnerInnen:
1. Miltiadis Oulios, freier Journalist, WDR, Stadt Revue, Zeit, taz, suhrkamp
2. Sheila Mysorekar, Journalistin, Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher
3. Golineh Atai, Köln, ARD-Morgenmagazin
4. Marjan Parvand, Redakteurin, ARD-Aktuell
5. Hatice Akyün, Berlin, freie Autorin
6. Dr. Nkechi Madubuko, Redakteurin, 3sat Kulturzeit
7. Mo Asumang, Filmemacherin, Moderatorin
8. Göksen Büyükbezci, Redaktionsleiter PHOENIX
9. Ferda Ataman, Journalistin, Tagesspiegel, seit 2010 Regierungsangestellte und Referatsleiterin, Beisitzerin NDM Vorstand
10. Özlem Sarikaya, Journalistin und Moderatorin, BR
11. Kemal Calik, Wirtschaftsredakteur, Frankfurt am Main
12. Daniela Milutin, Journalistin, Beisitzerin NDM Vorstand
13. Cengiz Tarhan, Journalist, Radio Bremen
14. Rana Göroglu, freie Journalistin
15. Nilüfer Sahin, Journalistin, WDR, Deutsche Welle
16. Siruan H. Hossein, freier Journalist, WDR
17. Konstantina Vassiliou-Enz, Journalistin, RBB, 2. Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher
18. Vivian Perkovic, Radiomoderatorin, WDR
19. Joachim Legatis, Redakteur, Alsfelder/Gießener Allgemeine Zeitung
20. Mercedes Pascual Iglesias, Journalistin, WDR, Vielfalt – Das Bildungsmagazin
21. Federica Guccini, Studentin, freie Journalistin
22. Ekrem Şenol, MiGAZIN-Chefredakteur
23. Florian von Stetten, freier Journalist, ARTE, ARD, ZDF
24. Dr. Bärbel Röben, Journalistin und Medienwissenschaftlerin
25. Melahat Simsek, Köln, Journalistin
26. Mehmet Ata, Journalist, Express
27. Pari Niemann, NDR, Lfh Niedersachsen, Gleichstellungsbeauftragte
28. Mark Terkessidis, freier Journalist und Publizist
29. Canan Topçu, Redakteurin, Frankfurter Rundschau
30. Murat Ham, Journalist und Autor
31. Sibel Balta, Journalistin
32. Rahmi Turan, Journalist (Sabah), Kommunikationswissenschaftler (LMU), München
33. Dr. Chadi Bahouth, Politologe, Autor, Journalist
34. Noah Sow, Autorin, Produzentin, Musikerin, Dozentin
35. Nuray Eser, Dipl.-Soz./freie Hörfunk-Journalistin
36. Vito Avantario, Journalist, Buchautor, Reporter greenpeace magazin
37. Dagmara Dzierzan, Journalistin, Bayerischer Rundfunk
38. Gabriele Gün Tank, Diplom-Journalistin, Integrationsbeauftragte Berlin Tempelhof-Schöneberg
39. Melih Serter, Sozialwissenschaftler, Journalist, WDR
40. Navina Sundaram, Publizistin, bis 2003 Redakteurin „Zeitgeschehen“, NDR
41. Eren Önsöz, freie Journalistin & Filmemacherin
42. Matilda Jordanova-Duda, freie Journalistin Print und Hörfunk
43. Christian Stahl, Journalist, “stahlmedien”
44. Ute Hempelmann, freie Journalistin, ARD Hörfunk
45. Peter Giefer, Fotograf und Journalist, Priv.Doz. Fotojournalismus
46. Fatema Mian, Journalistin, Bayerischer Rundfunk
47. Prof. Dr. Sabine Rollberg, WDR/ arte
48. Murat Bayraktar, Redaktionsleiter, WDR Hörfunk
49. Ebru Tasdemir, freie Journalistin
50. Tina Adomako, Journalistin
51. Rebecca Roth, freie Journalistin
52. Dorothee Plass, Filmemacherin und Lehrerin
53. Sandra Fejjeri, Journalistin
54. Carmela Mudulu, freie Journalistin
55. Tarek Chafik, freier Journalist
56. Natalie Akbari, Moderatorin und Redakteurin, WDR und SWR
57. Elisabetta Gaddoni, freie Journalistin
58. Prof. Dr. Klaus J. Bade, Migrationsforscher
59. Prof. Dr. Ulrich Pätzold i.R., Journalistik, TU Dortmund
60. Prof. Dr. Rainer Geißler, Soziologe
61. Prof. Dr. Axel Schulte i.R., Politologe

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